Wie selig ist doch des Menschen Erinnerung! Sie lässt grausame Dinge verblassen und die schönen stärker in den Vordergrund treten. Die Verklärung der Rückschau führt dazu, dass das schöne Gefühl an "früher" überhaupt möglich wird - und gleichzeitig auch, warum vor allem Zukunftsszenarien mit Angst verbunden sind. Anders gesagt: Früher war zwar nicht alles besser, aber da wir den Ausgang kennen, ist es nicht so erschreckend.

Wer erinnert sich noch an Blut in Schokolade und Läuse im Joghurt? Beides waren Schauermärchen, was Österreichs Konsumenten an Schrecklichkeiten erwarten würde, kaum dass sie im gemeinsamen Markt gezwungen wären, plötzlich nur noch ausländische Produkte zu kaufen. Im dunklen Szenario der nationalen Protektionisten hätte es bald nur noch Importware in den Supermärkten gegeben, aber keine guten rot-weiß-roten Produkte mehr.

Diese Anti-EU-Propaganda der frühen 1990er zeigt zwei Dinge auf: Erstens müssen Populisten wahrhaft kreativ mit der Wahrheit umgehen, um die EU wirklich als negative Sache dastehen zu lassen. Zweitens haben insbesondere Nationalisten ein sehr trauriges Menschenbild. Gerade im freien Markt liegt jede Kaufentscheidung beim Konsumenten selbst. Davor zu warnen, dass Läuse oder Chlorhühner zur Bedrohung werden könnten, spricht den heimischen Konsumenten ab, eigenverantwortlich urteilen zu können.

Früher Blut und Läuse, heute Gurken und Energiesparlampen

Philipp Jauernik arbeitet als Politischer Berater im EU-Parlament. Im Ehrenamt ist er Bundesvorsitzender der Paneuropa-Jugend Österreich sowie Chefredakteur des MKV-Magazins "Couleur". - © privat
Philipp Jauernik arbeitet als Politischer Berater im EU-Parlament. Im Ehrenamt ist er Bundesvorsitzender der Paneuropa-Jugend Österreich sowie Chefredakteur des MKV-Magazins "Couleur". - © privat

Nein, an Läuse und Blut denkt kaum noch jemand. Die Erinnerung an sie ist verblasst. Heute sind es Gurkenkrümmung und Energiesparlampen, an denen sich der Zorn entzündet. Dabei interessiert sich kaum jemand dafür, dass es auch schon zuvor in allen Mitgliedstaaten der EU Verordnungen zur Gurkenkrümmung und natürlich auch überall Vorschriften und Normierungen von Leuchtkörpern gab.

Das Buch kann hier kostenfrei bestellt werden: https://eventmaker.at/lukas_mandl/buchbestellung_25_jahre_nach_der_volksabstimmung_zum_beitritt_ein-_und_ausblicke/
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Der Kopf kann über diese Sachfragen hervorragend debattieren - aber die Herzen werden davon niemals erreicht werden. Nun geht es hier aber doch um eine Herzensangelegenheit. So unzufrieden man etwa in Kärnten oder Salzburg mit dem Bund sein mag, ein Austritt aus dem Gesamtstaat Österreich würde nie angedacht. Viel zu selbstverständlich gehört man zusammen, hat die rot-weiß-rote Trikolore als Identitätsbestandteil. Anders verhält es sich da mit einem Austritt aus der Europäischen Union. Zwar würde den nur eine sehr geringe Minderheit als Ziel bezeichnen (die Minderheit ist so klein, dass sie nicht einmal bei der EU-Wahl antreten konnte), doch die Zahl jener, die damit kokettieren und unter dem Etikett "Euroskeptizismus" zumindest nicht konstruktiv an Verbesserungen arbeiten, ist deutlich größer.