Nicht selten sind in den Pflegehäusern gegen 18 Uhr kaum noch Pflegebedürftige außerhalb ihrer Zimmer anzutreffen. Dem nicht genug, bleibt aufgrund der systematischen Dokumentation des individuellen Pflegebedarfs auch tagsüber immer weniger Zeit für die persönliche Betreuung. So müssen etwa die Medikamentengebarung oder freiheitsbeschränkende Maßnahmen umfassend dokumentiert, Sturz- und Gewichtsprotokolle geführt und im Zuge von Dienstübergaben besprochen werden. Wichtige Aufgaben einer Pflegefachkraft, die bei Opcat-Besuchen zu Recht penibel überprüft werden. Allerdings Zeit, die im Falle von Personalknappheit für die unmittelbare Zuwendung fehlt.

Viele Einrichtungen sind stolz auf ihre großzügigen Gärten oder wohnlich gestalteten Gemeinschaftsräume. Häufig fehlt es jedoch an ausreichendem Personal, das die Betroffenen dabei unterstützt, dorthin zu gelangen. Dabei ist die Mobilisierung gerade bei Personen mit kognitiven Störungen (Demenz) essenziell, um das Fortschreiten der Krankheit hinauszuzögern. Laut einer Studie der Donau-Universität Krems weisen 85 Prozent aller Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner in Österreich demenzielle Erkrankungen auf. Damit verbunden ist oftmals ein hoher Bewegungsdrang. Vor allem in den Abend- und Nachtstunden. In einem Wiener Pflegeheim wurde dazu das Projekt "Nachtschwärmer" initiiert, das für Ruhelose viermal pro Woche Aktivitäten bis 21 Uhr anbietet.

Theorie
versus Praxis

Kernaufgabe des Pflegepersonals sollte es sein, die Bewohnerinnen und Bewohner so lange wie möglich mobil zu halten. "Dabei können Bewegungsübungen, bei denen Routinehandlungen wie etwa alltagsorientierte Gehübungen systematisch trainiert werden, zu einer deutlich spürbaren Mobilitätsverbesserung beitragen", betont der Geriater Thomas Frühwald.

So weit die Theorie. Die Realität sieht in einigen Häusern leider häufig anders aus. Die Tagesstruktur der Pflegebedürftigen geht in den Einrichtungen teilweise vollständig verloren. Das Krankheitsbild verschlechtert sich dadurch oft rapide. Und das trotz des Großteils aufopferungsvollen Pflegepersonals. Frühwald zeigt sich auch besorgt über jene Eingriffe an Patientinnen und Patienten, die aus medizinischer Sicht nicht notwendig sind und nur zur Erleichterung der Pflege vorgenommen werden. Als typisches Beispiel nennt er den Harnkatheter, hat dieser doch fast zwangsläufig eine Harnwegsinfektion zur Folge. Aus medizinischer Sicht sollte er daher ausschließlich dann gesetzt werden, wenn die Blase nicht mehr entleert werden kann. Im Pflegebereich gelangt er aber vor allem deshalb zum Einsatz, um die Betroffenen nicht zur Toilette begleiten zu müssen.

Bis dato ist es trotz politischer Bemühungen nicht gelungen, umfassende Lösungen dieser Strukturprobleme herbeizuführen. Im Dezember 2018 legte die (alte) Bundesregierung einen "Masterplan Pflege" vor, mit dem die Voraussetzungen für eine hochwertige Pflege geschaffen werden sollen. Ebenfalls wurde das neue Gesundheitsberuferegister eingeführt, in das Angehörige der Gesundheits- und Krankenpflegeberufe sowie der gehobenen medizinisch-technischen Dienste eingetragen werden. Diese Registrierung ist Voraussetzung für die jeweilige Berufsausübung, wobei die Erfassung des Bestandes bis Jahresende abgeschlossen sein soll. "Ziel ist es, die Angehörigen der betreffenden Gesundheitsberufe zahlenmäßig zu erfassen, in weiterer Folge die Gesundheitsplanung beim Erkennen von Versorgungslücken zu unterstützen sowie die Qualifikation der Berufsangehörigen transparent zu machen", heißt es dazu bei der Gesundheit Österreich GmbH.