Der Schulschluss naht und mit ihm die Frage der Notengebung, also der Leistungsbeurteilung. Zuletzt hat eine ÖVP-interne Kontroverse zwischen dem Wissenschafts- und Bildungssprecher des ÖVP-Parlamentsklubs, Rudolf Taschner, und dem Vorsitzenden der ÖVP-dominierten Pflichtschullehrergewerkschaft, Paul Kimberger, für Aufsehen gesorgt. Ersterer forderte die Einführung von Ziffernnoten bereits in der Anfangsphase der Volksschule, Letzterer lehnt diese ab. Beiden gemeinsam ist der Wunsch nach einer ehrlichen, aussagekräftigen und menschengerechten Beurteilung unserer Jüngsten.

Ich habe den Parlamentarismus aus mehreren Perspektiven kennengelernt. Eine zentrale Folge der gewonnenen Einsichten ist Respekt gegenüber allen Persönlichkeiten, die sich der Politik, insbesondere jener des Bundes, und damit auch der medialen Öffentlichkeit, zur Verfügung stellen, sei es auf der Seite der Regierung oder auf jener des Nationalrates oder des Bundesrates. Wer politisch im Bildungsbereich tätig ist, gerät rasch zwischen alle Fronten - auch innerhalb der eigenen Partei.

Der Zeitdruck, die steigende Komplexität der politischen und sachbezogenen Materien, die sich beschleunigenden Entwicklungen auf allen Ebenen und das Aufgehen von Scheren in vielen Gesellschaftsbereichen machen es zunehmend schwierig, zu politischen Positionen zu gelangen, die den heutigen Bedingungen, Fakten und Möglichkeiten entsprechen. Deren Kenntnis ist Voraussetzung für orientiertes politisches Handeln. Doch diese handlungsleitenden Fakten haben immer öfter mit jenen vor einem Jahrzehnt nichts mehr gemeinsam. Dies gilt in besonderem Ausmaß für den Bildungsbereich.

Immer mehr Kinder mit Entwicklungsverzögerungen

Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. In der vergangenen Legislaturperiode war er als Referent in den Budget- und Unterrichtsausschuss zu den Themen Bildungsfinanzierung, Inklusion, Schulautonomie und Politische Bildung geladen und koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat
Ernst Smole war Berater der Bildungsminister Fred Sinowatz, Herbert Moritz und Helmut Zilk. In der vergangenen Legislaturperiode war er als Referent in den Budget- und Unterrichtsausschuss zu den Themen Bildungsfinanzierung, Inklusion, Schulautonomie und Politische Bildung geladen und koordiniert den "Unterrichts:Sozial:Arbeits- und Strukturplan für Österreich 2015 - 2030" (www.ifkbw-nhf.at). - © privat

Man weiß aus der aktuellen Schulpraxis und dank belastbarer gesicherter Fakten, dass Sechsjährige heute in ihrer Entwicklung fallweise bis zu sechs (!) Jahre auseinanderklaffen - manche liegen um bis zu drei Jahre hinten, andere um bis zu drei Jahre vorne. Es gibt immer mehr Kinder, die in ihrer Entwicklung verzögert sind - gemessen an früheren formalen Standards um bis zu drei Jahre. Eine aktuelle Studie der Universität Linz beschreibt etwa Entwicklungsrückstände von Sechsjährigen, die bereits in früher Kindheit dem intensiven Kontakt mit digitalen Geräten ausgesetzt waren. Immer mehr Kinder sind mit sechs Jahren noch nicht "trocken", weil ihre Eltern kompromisslos auf umfassende "Selbstbestimmtheit" ihrer Kinder setzen und das "Trockenwerden" der Kinder als eine Aufgabe des Kindergartens beziehungsweise der Schule erachten.