Sayyid Qutb im Jahr seiner Hinrichtung am 29. August 1966. - © afp
Sayyid Qutb im Jahr seiner Hinrichtung am 29. August 1966. - © afp

Der "World Values Survey" (eine weltweite Erhebung der Werte) gibt Auskunft darüber, wie die Gesellschaft in 72 Ländern der Welt, die etwa vier Fünftel der Weltbevölkerung repräsentieren, tickt. Angesichts der aktuellen Ereignisse ist dabei ein Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen im Nahen Osten interessant. Der "World Values Survey", der 1981 vom US-Soziologen Ronald Inglehart initiiert wurde, besteht aus national repräsentativen Umfragen unter Verwendung eines gemeinsamen Fragebogens, der in Ländern auf der ganzen Welt durchgeführt wird. Seine Daten sind weltweit völlig frei verfügbar. Was erklärt nun die Werteentwicklung in den Ländern des Nahen Ostens?

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek erklärte, die Hauptfunktion der Religion bestehe in der Weiterentwicklung der Eigentumsrechte und der Familienwerte. Andernfalls seien die Folgen sehr negativ. Empirischen Daten zeigen, dass gerade die Zersetzung dieser Werte in den Ländern des Nahen Ostens im Zuge der Modernisierung und Säkularisierung stark mit dem Aufstieg des Islamismus verbunden ist. Diese Hayek’sche Perspektive mag viele überraschen, sie entspricht aber den Fakten.

"Jahiliyyah" - die Ignoranz
des göttlichen Gesetzes

Die weltweite islamistische Ideologie von heute geht zweifelsohne auf die Schriften des ägyptischen Literaten Sayyid Qutb (1906 bis 1966) zurück, der die Bedingungen unseres Globus als "Jahiliyyah" definiert hat, also die Ignoranz des göttlichen Gesetzes. Dies bezieht sich somit auf Fragen, die der heutigen globalen Werteforschung gut bekannt sind: die Ablehnung traditioneller Werte in Bezug auf Familie und Gesellschaft in Verbindung mit der Marginalisierung der Religion. Wenn der unter dem ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser (1918 bis 1970) hingerichtete Qutb über die "heidnische" und "materialistische griechische Kultur" spricht, die nach seiner Auffassung den Westen zu beherrschen begonnen habe, und wenn er über die westliche Religion spricht, die in den Gefühlen der Herzen und Seelen der Menschen bloß im Sakralen und in der Kirche und im Beichtstuhl isoliert existiere, wenn er den Westen als "materialistisch und moralisch erschöpft" bezeichnet und dagegen vorschlägt, dass der Islam eine Staatsreligion sein und regieren müsse, öffnen sich seine Aussagen für die objektive Analyse globaler Meinungsdaten im Rahmen des "World Values Survey".

Was Qutb als westlichen weichen, perversen und kranken Lebensstil bezeichnete, der die Trennung des Glaubens vom praktischen Leben bedeute, wurde vom US-Politologen Ronald F. Inglehart (geboren 1934) spiegelbildlich genau beschrieben. Allen vorindustriellen Gesellschaften weist Inglehart eine relativ geringe Toleranz für Abtreibung, Scheidung und Homosexualität zu sowie eine Neigung, die männliche Dominanz im wirtschaftlichen und politischen Leben zu betonen. Die elterliche Autorität wird respektiert, das Familienleben ist von vorrangiger Bedeutung, und diese Gesellschaften sind relativ autoritär. Die meisten von ihnen legen großen Wert auf Religion. In westlichen Ländern scheinen veränderte Geschlechterrollen und sexuelle Normen nicht mehr bedrohlich zu sein, und es gilt das genaue Gegenteil der vorindustriellen Gesellschaft.