Für einiges durchaus berechtigtes Aufsehen hat jüngst in Deutschland gesorgt, was der frühere Bundespräsident Christian Wulff anlässlich seines 60. Geburtstages angemerkt hat. Mit Blick auf die Ereignisse der Jahre 2015/2016 meinte er: "Die Chancen sind groß, dass der Flüchtlingszuzug zu einem Glücksfall der deutschen Geschichte wird." Begründet hat er diese originelle These unter anderem mit dem Hinweis auf die fremdländisch klingenden Namen der deutschen Sieger der Leichtathletik-Europameisterschaft in Berlin sowie darauf, dass die beliebte Sängerin Helene Fischer bei ihrer Geburt Jelena Petrowna Fischer geheißen hat: "Wir profitieren enorm von Einwanderung."

Man kann das so sehen. Aber man muss nicht, vor allem, wenn man die 2015 und danach geschaffenen Realitäten nicht im Lichte dessen betrachtet, was man sich wünscht, sondern im Lichte dessen, was ist.

Und diese Wirklichkeit gibt sehr, sehr wenig Grund zur Annahme, dass sich "der Flüchtlingszuzug zu einem Glücksfall der deutschen Geschichte wird".

Denn das würde zur Bedingung haben, dass die Vorteile dieses Ereignisses die Nachteile deutlich überwiegen. Und die sind mittlerweile klar sichtbar. Da sind einmal die Kosten. Mehr als 20 Milliarden Euro gibt Deutschland Jahr für Jahr laut Regierung dafür aus, die Folgen der illegalen Migration zu bewältigen (in Österreich sind es 2 Milliarden). Ein Glücksfall der Geschichte? Dazu kommt, dass ein großer Anteil der Zugewanderten über keine oder zu geringe Qualifikationen für den hiesigen Arbeitsmarkt verfügt. Von den 2015 nach Deutschland Gekommenen sind heute, also immerhin fast vier Jahre später, noch immer
75 Prozent ohne Job und müssen von Sozialleistungen leben. Ein Glücksfall der Geschichte?

Nicht wirklich auf der Habenseite zu verbuchen wird auch sein, was das deutsche Bundeskriminalamt im April berichtete: "Im Bereich Mord, Totschlag, Tötung auf Verlangen fielen 230 Deutsche einer Straftat zum Opfer, an der mindestens ein tatverdächtiger Zuwanderer beteiligt war . . . (Bei) Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung wurden 3261 Deutsche Opfer einer Straftat mit mindestens einem tatverdächtigen Zuwanderer." ("Welt", 9. April 2019) Ein Glücksfall der Geschichte?

Unbestritten ist mittlerweile auch, dass mit der Migrationsbewegung ein erhebliches Maß an Antisemitismus nach Deutschland und Österreich schwappte und solcherart den autochthonen Antisemitismus bereichert hat. Ein Glücksfall der - gerade der diesbezüglich unseligen deutschen und österreichischen - Geschichte?

Gewiss: Dem steht gegenüber, dass Deutschland so wie Österreich ja auch einer nicht unerheblichen Zahl tatsächlich Verfolgter und damit Asylberechtigten Schutz gewährt hat und sich ein heute noch nicht seriös abschätzbarer Anteil Zugezogener früher oder später integrieren wird. Unter dem Strich ist da freilich ein "Glücksfall" nicht einmal unter dem Einfluss einer Überdosis stimmungsaufhellender Pillen auszumachen. Aber vielleicht muss man wie der Herr Altbundespräsident über eine schwerstens abgesicherte Villa, 245.000 Euro jährlichen Bezug fürs Nichtstun und zwei Personenschützer verfügen, die die Wirklichkeit auf Distanz halten, um zu so einer verblasenen Diagnose zu kommen.