Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des Arbeitskreises "Industrie 4.0 / IoT" in Wien.
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin, Human-Factor-Unternehmensberaterin und Sprecherin des Arbeitskreises "Industrie 4.0 / IoT" in Wien.

Rechtzeitig zum Schulschluss (in Westösterreich erst diesen Freitag) gab es jüngst wieder Lehrer-Bashing. Nicht wegen antiquierter Lehrmethoden, unfairer Benotung, zu wenig Vorbereitung und Weiterbildung oder Hilflosigkeit im Umgang mit verhaltensoriginellen Personen, sondern wegen schlechten Marketings. Da erklärte ein prominenter Politikwissenschafter in einem Zeitungsartikel, worauf es in der Medienarbeit "für Schulverantwortliche vom Bildungsministerium abwärts" ankomme:

Fokus weg von Problemen: "95 bis 99 Prozent aller Schüler haben die Matura geschafft!"

Sich nicht als "Masochisten, die den falschen Beruf ausgesucht haben und dabei bleiben", darstellen.

Statt "Wehklagen die schönen Dinge seines Berufs" betonen. Als "einzig mögliche Kommunikationsstrategie" empfahl der Experte, "hunderte schöne Geschichten über die Schule" zu erzählen.

Diese Strategie ist den Schulen natürlich bekannt: Schon im vorigen Jahrhundert schilderten Schulstandorte in Jahresberichten ihre Aktivitäten. Heute zeigt fast jede Schule auf ihrer Website anschaulich, wie Schüler und Lehrer leben, lachen und arbeiten. Die Texte stammen nicht von einer Agentur, sondern werden von Lehrern in ihrer Freizeit verfasst. Lehrer sprechen demnach schon lange öffentlich über die schönen Seiten ihres Berufs.

Trotzdem haftet ihnen sogar beim Profi-Beobachter das Image von ewigen Jammerern an - warum?

Lehrer sind Experten - in ihrem Fach und beim Lehren und Prüfen. Als solche sind sie dazu verpflichtet, ihre eigenen Beobachtungen zu machen und nachzufragen. Daher geben sie sich mit "Gschichtldruckern" nicht zufrieden - bei Schülern genauso wenig wie bei Experten, die ihnen erklären, der Lernerfolg von 36 Schülern in einer Klasse mit 95 Prozent nichtdeutscher Muttersprachlern hänge nur von der Lehrerleistung ab, Unterrichtsstundenanzahl, Raumgröße und -temperatur hätten keinen Einfluss, und ein gutes Abschlussniveau könne selbstverständlich von allen erreicht werden - entsprechenden Leistungswillen des Lehrers vorausgesetzt.

Lehrer erleben hautnah die Diskrepanz zwischen Leistungszielen der Behörde und Leistungsvermögen der Schüler. Sie sehen die Bedürfnisse der Schüler und die mangelnden Ressourcen, diese zu erfüllen: knappe Infrastruktur, fehlende soziale, psychologische, medizinische Betreuung, zu wenige betreute Lernzeiten - überall soll aus Stroh Gold gesponnen werden.

Lehrer gleichen das mit eigenen Ressourcen, zum Beispiel mit Heimbüro-Infrastruktur und unbezahltem Engagement, so gut wie möglich aus und reden sich die Nachteile in ihrem Job - so wie viele andere Angestellte - möglichst schön. Aber sie benennen auch die Problemfelder und fordern Verbesserungen. Dass dies seit Jahrzehnten systematisch als Jammerkultur abgetan, Statistiken mehr vertraut wird als den vor Ort Arbeitenden und damit der "tipping point" (also der Punkt, an dem die Situation kippt) leicht übersehen wird, ist allen Politikern und Experten anzulasten, die griffige Marketing-Geschichten mehr fordern als nachhaltige Investitionen, die wirklich bei den Schülern im Unterricht ankommen.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Human Resources-Unternehmensberaterin.