Es wird wohl nur wenige Familien in Wien geben, die in ihrer Ahnengalerie jemanden haben, der schon zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung hier gelebt hat. Wir Wienerinnen und Wiener sind alle Nachkommen von Zuwanderern, denn die Integrationskraft Wiens ist einfach überwältigend.

Keine Zuwanderung war anfangs willkommen: Die "Ziegelböhmen", die unsere Ringstraße bauten, wurden nicht nur wirtschaftlich ausgebeutet und als Bettgeher untergebracht, sondern auch in Liedern, Gedichten und sogar einer Komödie verhöhnt. Die vertriebenen Volksdeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Regierung nach Bayern weiterschicken und suchte dafür die Zustimmung des Alliierten Rats. Auch die Flüchtlinge des Ungarn-Aufstands nach 1956 und jene, die 1968 aus der Tschechoslowakei vor den sowjetischen Panzern flüchteten, waren nicht allgemein willkommen. Besonders gilt das für die Flüchtlinge, die in den vergangenen Jahren aus dem Nahen Osten gekommen sind.

Aktuelle Daten der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft zeigen aber, dass sich die Meinung einige Jahrzehnte später geändert hat und vor allem der Beitrag der einzelnen Flüchtlingswellen, vor allem für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt Wien, heute geschätzt wird. Rückblickend werden die Zuwanderungswellen positiv bewertet. Die Tschechen haben uns die Ringstraße erbaut, die Glasindustrie und die Stahlindustrie modernisiert.

Positives Bild von den Juden

Heinz Kienzl war Generaldirektor der Nationalbank. Er ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. - © Alexander Wulz
Heinz Kienzl war Generaldirektor der Nationalbank. Er ist Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Europapolitik. - © Alexander Wulz

Auch eine hypothetische Frage erbrachte ein interessantes Ergebnis. Die Frage lautete: "Welchen Beitrag hätten jüdische Zuwandererinnen und Zuwanderer - wären Sie nicht von den Nazis vertrieben beziehungsweise ermordet worden - und deren Nachkommen für Wien geleistet?" Dass sie für Kunst und Wissenschaft (sehr) Großes geleistet hätten, sagten 73 Prozent der Befragten. Auch für die Wirtschaft, so meinten 77 Prozent der Befragten, hätten sie Großes geleistet.

Nach Parteipräferenz zeigte sich folgendes Bild: 87 Prozent der ÖVP-Sympathisanten, 80 Prozent der SPÖ-Anhänger und 68 Prozent der FPÖ-Nahen gaben an, jüdische Zuwanderer hätten einen "sehr großen" oder zumindest einen "eher großen" Beitrag in der Wirtschaft für Wien geleistet. Bei Kunst und Wissenschaft waren 83 Prozent der ÖVP-Anhänger sowie 77 Prozent der SPÖ- und 65 Prozent der FPÖ-Sympathisanten dieser Meinung.

Fazit: Zuwanderer waren häufig nicht willkommen. Im Nachhinein werden ihnen jedoch große Leistungen zugeschrieben.