Auf beiden Seiten des Atlantiks signalisierten in den vergangenen Wochen die Notenbanken Fed und EZB einen Kurswechsel zu (noch) expansiverer Geldpolitik. Die Gründe dafür sind aber trotz der gemeinsamen Sorge über eine Abkühlung des globalen Wachstums in den nächsten Monaten durchaus unterschiedlich. Während die Fed zwar eines ihrer Ziele mit einem sehr gut ausgelasteten Arbeitsmarkt erreicht hat, setzt der US-Präsident mit harscher Kritik das Führungsgremium der US-Notenbank unter Druck. Dass man im Weißen Haus gar eine Absetzung Jerome Powells juristisch ausgelotet hätte, wurde nur halbherzig dementiert. In etwas schwächeren Wirtschaftsdaten und zurückgehenden Inflationserwartungen des Marktes fand man seitens der Fed nun eine Rechtfertigung für einen laxeren Kurs.

Für die EZB verschlimmerte der Kurswechsel in den USA das bestehende Dilemma. Wie reagiert man bei bereits historisch tiefen, negativen Leitzinsen im Umfeld moderaten Wachstums und Inflationsraten weit unter dem selbstgesteckten Ziel auf das Risiko einer Währungsaufwertung gegenüber dem Handelspartner USA? Dass die Europäer im Handelsstreit das nächste Ziel der aggressiv agierenden US-Regierung sein werden, liegt auf der Hand. Mario Draghi wurde in den vergangenen Monaten seinem legendären Ruf gerecht: "Whatever it takes" - bis zum letzten Atemzug an der EZB-Spitze. Im portugisieschen Sintra stellte er baldige Zinssenkungen und ein erneutes Anlaufen des Anleihe-Kaufprogrammes in Aussicht. Dem potenziell negativen Effekt auf die Profitabilität des Bankensektors aus tieferen Zinsen begegne man mit entsprechenden Regelungen. Positive Auswirkungen auf die Finanzierungsbedingungen sind dem Paket nicht abzusprechen, ob es aber auch ausreichen wird, um die negativen Auswirkungen des Handelskonfliktes abfedern zu können, bleibt offen. Wichtig für den Transmissionsmechanismus der Geldpolitik ist ebenfalls, dass es der EZB gelingt, die Inflationserwartungen der Investoren und der Wirtschaftsakteure nahe dem Ziel von knapp unter 2 Prozent zu halten. Auch hier steht eine positive Beurteilung noch aus.

Mit November übernimmt wohl IWF-Chefin Christine Lagarde das EZB-Steuer. Die EU-Regierungschefs setzen damit auf Kontinuität. Die geldpolitische Philosophie des IWF unterschied sich nie wesentlich von jener der EZB, wenngleich er manchmal auf rascheres Handeln drängte. Lagarde ist allerdings in der schwierigen Lage, dass die Instrumente zur weiteren Lockerung der Geldpolitik fast ausgeschöpft sind. Innovationen werden genauso nötig sein wie eine Reevaluierung der (Inflations-)Modelle der EZB, die zuletzt die Inflation kontinuierlich überschätzt haben. Noch wichtiger ist allerdings eine engere Kooperation zwischen Fiskal- und Geldpolitik. Lagarde scheint geeignet für den Dialog mit den Regierungschefs. Denn auch der IWF plädierte nach der Finanzkrise für eine strenge Austeritätspolitik, gestand aber 2013 deren Versagen ein. Der ehemalige IWF-Chefvolkswirt Oliver Blanchard sagte jüngst sogar (frei übersetzt): "Offen gesagt, die Staatsverschuldung muss nicht notwendigerweise Auswirkungen auf die Steuerpolitik haben."

Ingrid Szeiler ist Chief Investment Officer der Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft.