Schon seit einigen Jahren befinden sich Wirtschaft und Inflation in der Eurozone auf einem niedrigen Niveau - und das trotz Niedrigzinsen und lockerer Geldpolitik seitens der Europäischen Zentralbank (EZB). Tatsächlich sind Inflationserwartungen und Renditen in der Eurozone aktuell noch niedriger als zu Beginn der unkonventionellen Geldpolitik mit Negativzinsen und reichlicher Versorgung mit Liquidität. Dieses Umfeld - bestehend aus niedriger Inflation, niedrigen Zinsen und niedrigem Wachstum in Verbindung mit einer anhaltend lockeren Geldpolitik - ähnelt auffallend jenem Japans. Befindet sich die Eurozone also auf dem Weg der "Japanifizierung"?

In Japan führte eine Mischung aus Finanzderegulierung, sinkenden Kreditstandards, niedrigen Zinsen, billigem Geld und ständig steigenden Vermögenswerten zu einer Aktienmarkt- und Immobilienpreisblase, die letztlich in einer Bankenkrise endeten. Seit den 1990er Jahren kämpft Japan mit einer extrem hohen Staatsverschuldung und sehr niedrigen Inflations- und Wachstumsraten.

Frappierende Ähnlichkeiten mit Japan Anfang der 1990er

Carsten Brzeski ist Chefökonom bei ING Deutschland. Sein Schwerpunkt liegt neben Deutschland auf der Geldpolitik der Eurozone. Er hat in Berlin, Boston und Harvard studiert und war unter anderem für das niederländische Finanzministerium und die EU-Kommission tätig. - © ING
Carsten Brzeski ist Chefökonom bei ING Deutschland. Sein Schwerpunkt liegt neben Deutschland auf der Geldpolitik der Eurozone. Er hat in Berlin, Boston und Harvard studiert und war unter anderem für das niederländische Finanzministerium und die EU-Kommission tätig. - © ING

Auch die Eurozone befindet sich in einem Umfeld niedriger Inflation. Zwar dürfte diese struktureller Art sein - Ersparnisschwemme, Globalisierung und Digitalisierung, all das hat in den 1990er und 2000er Jahren zu einem allgemeinen Rückgang der Inflation und des Zinsniveaus geführt, was über eine reine "Japanifizierung" hinausgeht. Doch darüber hinaus zeigt die Eurozone frappierende Ähnlichkeiten mit Japan Anfang der 1990er Jahre. Aus einer Finanzkrise wird eine Wirtschaftskrise, die sich dann in eine Bankenkrise und schließlich in eine existenzielle Krise verwandelt.

Das "Japanifizierungsmodell", wir auf der Grundlage einer Studie von Takatoshi Ito von der Columbia University erstellt haben, unter Berücksichtigung von Wirtschaftswachstum, Inflation, kurzfristigen Zinssätze und demografischem Wandel, zeigt, dass die Wirtschaft der Eurozone ihren "normalen" Wachstumspfad nach der globalen Finanzkrise verlassen hat und in den "Japanisierungsbereich" eingetaucht ist, den Japan seit einem Vierteljahrhundert nicht verlassen hat.

Tatsächlich weist die Entwicklung der Eurozone zwischen 2009 und 2018 einen hohen Grad an "Japanifizierung" auf. So stieg der öffentliche Schuldenstand in Japan in den 1990er Jahren um mehr als 25 Prozent des BIP, während er in der Eurozone im Durchschnitt um rund 20 Prozent des BIP anstieg. Sowohl die japanischen Banken als auch jene der Eurozone haben in den Krisenjahren einen riesigen Haufen notleidender Kredite angesammelt, die Quote für ausfallgefährdete Kredite lag in Japan im Jahr 2001 bei 8,4 Prozent, die Quote in der Eurozone betrug 2012 auf dem Höhepunkt der Staatsschuldenkrise 8,1 Prozent. In beiden Ländern musste der Finanzsektor durch hohe Kapitalspritzen unterstützt werden.