Eine Rede vor den eigenen Anhängern zu halten, hat seine speziellen Probleme. Es geht ja dabei wohl kaum darum, sie von der Richtigkeit ihrer politischen Haltung zu überzeugen. Laut einem Scherzwort gehen Menschen zu politischen Versammlungen, um sich durch die dort gehaltenen Reden zu einer Meinung herumkriegen zu lassen, die sie schon haben.

Rudolf Bretschneider ist Sozialforscher. Er war von 1973 bis 2007 Geschäftsführer und anschließend Konsulent von GFK-Austria.
Rudolf Bretschneider ist Sozialforscher. Er war von 1973 bis 2007 Geschäftsführer und anschließend Konsulent von GFK-Austria.

Dass man sich von einer Parteirede Informationen erwartet, die im weiteren Wahlkampf für die sogenannte Mundpropaganda dienlich sein könnten, ist auch so ziemlich auszuschließen. In so einem Fall müssten die Reden sehr kurz sein und sich auf ein bis zwei Slogans beschränken - oder auf einen Reim, den sich der Politiker auf die Situation gemacht hat.

Schon weit eher dient die politische Rede zur Motivierung der Mitstreiter. Dafür gibt es unterschiedliche inhaltliche und rhetorische Rezepte. Selten beginnt man heute mit einem Scheinlob (". . . denn X ist ein ehrenwerter Mann . . ."), um später direkter und aggressiver zu werden; aus Zeitknappheit und wegen der befürchteten kurzen Aufmerksamkeitsspanne der Zuhörer schreitet man plump und unmittelbar zur negativen Charakterbeschreibung des Mitbewerbers (früher: Gegner, noch früher: Feind): "eitel", "Ich-zentriert", "machtgeil" . . . Es braucht eben doch, bei allen Bekenntnissen zu Dialogbereitschaft, den oder die "Barbaren". Die "bösen anderen" sind halt immer noch so etwas wie eine Lösung des Positionierungsproblems.

Natürlich könnte man es in einer Motivierungsrede auch mit Humor oder Witz versuchen; das sind angeblich die schärfsten Waffen. Aber mancher Redner rüttelt am Pointenbaum, ohne dass etwas herunterfällt - und so erzählt er halt den Witz vom Dackel, der die Wurst bewachen soll, der schon alt war, als ihn ein SPÖ-Finanzminister über seinen FPÖ-Nachfolger erzählte.

Wenn Inhalt, plattes Feindbild oder Witz fehlen, nicht recht greifen oder durch Wiederholung anöden, gibt es immer noch ein Mittel, mit dem man zu beeindrucken glaubt und das Abdruck garantiert (nicht in der Geschichte, aber in der Zeitung): die Verwendung von Schimpfworten und Kraftausdrücken. Anders als im Englischen ("four letter words") werden dabei meist Begriffe aus dem Analbereich gebraucht: "Scheißdreck-Populismus" (Werner Kogler vor den Grünen), "Die Menschen sind denen scheißegal!" (Beate Meinl-Reisinger vor den Neos). Ja, selbst der spätere Bundespräsident Alexander Van der Bellen verstieg sich seinerzeit bei einer Wahlprognose zum Kraftausdruck: "Es wird arschknapp!"

Sie wollen, so könnte man entschuldigend sagen, populär sein; weil sie nicht populistisch sein dürfen, wollen sie doch reden "wie das Volk". Aber was dem "Volk" privat oder am imaginären Stammtisch erlaubt ist, muss nicht in die mediale Öffentlichkeit passen. Der richtige Gebrauch der Sprache hängt von der Situation ab. Manche lernen das als Kinder und können dann zumindest drei Sprachen: jene für den Normalgebrauch, die "drüber" und die "drunter". Letztere ist bestimmt für den privaten und seltenen Gebrauch. Öffentliches Schimpfen fördert die sprachliche Barbarei, die man so gern bei den anderen beklagt.