Kurz nach ihrer Ankunft in Choms wurde eine zweite Gruppe von 53 Überlebenden in den Hafen gebracht. Ein anderes Team von Ärzte ohne Grenzen leistete an der Anlegestelle Nothilfe. Um 1 Uhr Früh wurde eine weitere Gruppe von etwa 190 Menschen zurückgebracht. Möglicherweise wurden sie von der libyschen Küstenwache abgefangen. Die meisten von ihnen kamen aus dem Sudan, Eritrea und Somalia. Auch ein Kind war dabei.

Wieder verteilten wir Nahrung und Wasser und untersuchten die Menschen. Es war nicht klar, ob sie zu den 400 Geretteten gehörten, die am Mittwoch abgefahren waren, oder zu einer anderen Gruppe. Wir versuchen, die Ereigniskette zu rekonstruieren. Aber es gibt kaum verlässliche offizielle Informationen. Die geretteten Menschen sind unsere Hauptinformationsquelle. Inzwischen haben alle, denen wir geholfen haben, den Hafen wieder verlassen. Wir wissen nicht, wo sie jetzt sind.

Eingesperrt in einem Kriegsland

In den kommenden Tagen werden wir nach den sieben Menschen schauen, die wir ins Krankenhaus überwiesen haben, und ihren Gesundheitszustand überprüfen. Sie können nicht in Internierungslager gesteckt werden. Sie müssen in sichere Unterkünften oder in ein sicheres Land gebracht werden.

Die meisten Leute, die ich betreut habe, haben einen grausamen Weg hinter sich. Sie werden nun erneut einem tödlichen Risiko ausgesetzt. Bevor sie den Schiffbruch überlebten, hatten sie die Wüste durchquert, waren von Menschenhändlern gefangen gehalten worden, Gewalt und Folter ausgesetzt. Dann sahen sie ihre Verwandten im Mittelmeer ertrinken, und jetzt werden sie wahrscheinlich unter schrecklichen Bedingungen in ein Gefängnis gesteckt. Oder sie werden in einem Kriegsland, in dem Flüchtlinge und Migranten bekanntermaßen schwer misshandelt werden, spurlos verschwinden.

Ich bin sehr verärgert. Es ist sehr schwer zu akzeptieren, dass Menschen, die solch einem Ausmaß an Gewalt und Trauma ausgesetzt waren, so behandelt werden. Das muss aufhören. Man kann sich nicht vorstellen, wie diese Menschen leiden. Wenn man mittendrin ist, wenn man versucht, es auszudrücken, dann merke ich, dass es keine Worte gibt, die ihr Leiden beschreiben.