Tal Meleh und Jibeen werden selbst die meisten Syrer kaum kennen, noch etwas mit ihren Namen verbinden. Und dennoch können diese beiden Orte zu einem Markstein in der späteren Betrachtung der syrisch-russischen Offensive gegen die letzte Dschihadisten-Hochburg Syriens in Idlib avancieren: Denn die Einnahme der strategisch wichtigen Positionen könnte Syriens Präsidenten Bashar al-Assad und seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin ihrem Ziel näherbringen, den Süden Idlibs unter syrische Kontrolle zu bringen.

Knapp nach Ende der 12. Runde der Astana-Gespräche in Nursultan, in denen Russland, der Iran und die Türkei über die Zukunft Idlibs ergebnislos verhandelten, gab die russische Seite in mehreren Wortmeldungen zu verstehen, dass sie über das Unvermögen oder den Unwillen der Regierung in Ankara verärgert sei, hatte sich die Türkei doch in der Vereinbarung von Sotschi bereit erklärt, bis Mitte Oktober 2018 eine 15 bis 20 Kilometer breite "Deeskalationszone" um Idlib einzurichten.

Nun wollen Russland und Syrien die beiden wichtigen Autobahnen, die M4 von Latakia nach Aleppo und die M5 von Aleppo nach Homs, auch mit Waffengewalt wiedereröffnen. Hierdurch würde ein Dreieck aus dem Gebilde der Rebellenenklave geschlagen werden, was das Wegbrechen weiterer Teile erleichtern würde - ganz im Stile der russischen "Salami-Taktik".

Zwei Stoßrichtungen

René Tebel ist Historiker und politischer Analyst (www. tebel-report.at). - © privat
René Tebel ist Historiker und politischer Analyst (www. tebel-report.at). - © privat

Unter diesen Vorzeichen eröffneten die syrischen Truppen mit russischer Luftunterstützung Ende April die Offensive in Idlib, für die zwei Ansatzpunkte gewählt wurden: Die eine Stoßrichtung betraf Jisr ash Shogur an der M4 und die Kabinah-Hügel, die andere den südwestlichen Zipfel des Rebellengebietes, um den Raketenbeschuss auf den russischen Militärflughafen Hmeimin sowie auf syrische Stellungen und Orte unter Kontrolle der Regierung zu verhindern.

Während die Offensive bei Jisr ash Shogur kaum wesentliche Geländegewinne erbrachte und allmählich der Verdacht entstand, dass Dschihadistengruppen auch über die türkische Grenze nach Syrien einsickerten, verlief die Offensive im südwestlichen Zipfel des Rebellengebietes ungleich glücklicher: Bereits am 6. Mai nahmen die syrischen Truppen Tal Othman und wenige Tage darauf Qal’at al-Mudiq ein, das die Rebellen wortwörtlich über Nacht aufgegeben hatten. Nachdem Mitte Mai Kafr Nabulah, das Tor nach Idlib, durch syrische Einheiten eingenommen wurde, schienen die Rebellenmilizen bereits geschwächt. Doch abgesehen von geringen Gebietsgewinnen im Norden Kafr Nabulahs blieben weitere Erfolge aus.

Erstaunliche Kampfkraft

Regierungsnahe und iranische Quellen berichteten über die erstaunliche Kampfkraft der Dschihadisten. Experten sahen darin eine verbesserte Ausrüstung mit westlichen und russischen Waffen aus türkischen Beständen, mit deren Hilfe Ankara einen syrisch-russischen Erfolg zu verhindern suchen solle. Für die syrische Armee wurde es alsbald noch frustrierender. Bei einer Gegenoffensive der Rebellen wurden Orte wie Jabeen und Tal Maleh von der Jaysh al-Izza erobert.

Nun, nach knapp zwei Monaten, konnte die syrische Armee diesen Verlust wettmachen und wieder einen kleinen Geländegewinn verbuchen. Syrien und Russland werden ihn wohl dazu nutzen, um weiter nach Morek oder Khan Shaykhun vorzustoßen und so das Rebellengebiet zu zerstückeln und die eigene Verhandlungsposition zu stärken.

Denn im August treffen Russen, Iraner und Türken einander wieder bei ihrer nächsten Astana-Runde. Bis dahin werden die täglichen Bombardements, der Abwurf von Fass- und Streubomben auf zahlreiche Städte der Region mit unvermittelter Härte andauern und die Zahl der Binnenflüchtlinge in Idlib weiter anwachsen. Der eben verkündete Waffenstillstand wird nicht halten, da er mit dem Rückzug der Dschihadisten verknüpft ist.