Elisabeth Gruber hat am Institut für Geografie und Regionalforschung der Uni Wien ein Projekt zur Migration junger Mensche nin Mittel- und Südosteuropa geleitet.
Elisabeth Gruber hat am Institut für Geografie und Regionalforschung der Uni Wien ein Projekt zur Migration junger Mensche nin Mittel- und Südosteuropa geleitet.

"Landflucht" ist kein neues Phänomen. Allerdings hat die Ausdünnung mancher Regionen durch niedrige Geburtenraten sowie durch Abwanderung (vorwiegend) junger Menschen heute einen neuralgischen Punkt erreicht. Effekt ist eine negative Entwicklungsspirale die zu einem Rückzug von Infrastrukturen führt. Die Folgen: Schließung von Schulen oder Postämtern, Ärztemangel, Greißler- und Wirtshaussterben.

"Landflucht" ist weder ein ausschließlich österreichisches Thema, noch auf ländliche Regionen beschränkt. Auch urban geprägte Regionen in Europa, die sich häufig in einer politischen und wirtschaftlichen Transformation oder europäischen Grenzlagen befinden, sind besonders von der Abwanderung junger Menschen betroffen. Bessere Verdienstmöglichkeiten, Lebenschancen sowie Lebensqualität führen zu einem Verlassen dieser Regionen, die sich dadurch mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sehen: Es fehlt an Arbeitskräften, Know-how, innovativem Potenzial und wirtschaftlicher Konkurrenzfähigkeit.

Martina Schorn ist Universitätsassistentin am Institut für Geografie und Regionalforschung der Uni Wien.
Martina Schorn ist Universitätsassistentin am Institut für Geografie und Regionalforschung der Uni Wien.

Abwanderung wird damit in den meisten Fällen als dramatischer Prozess wahrgenommen. Diese Wahrnehmung hängt auch mit der gewählten Perspektive zusammen. Während diese häufig auf die negativen Folgen für die Orte gelenkt wird, gibt es aus individueller Perspektive vor allem Chancen. Junge Menschen haben die Möglichkeit über räumliche Grenzen hinweg ihre Talente und Träume zu verwirklichen.

Problematisch ist am aktuellen Diskurs: Dieser konzentriert sich vorwiegend auf wirtschaftliche Motive. Dabei sind Abwanderungsmotive nicht ausschließlich auf Karriere- und Einkommenschancen zurückzuführen. Oft stecken lebensstilistische Entscheidungen dahinter wie Neugier auf andere Lebensweisen und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung.

Daher ist es nötig, der Problematik mit mehr Ehrlichkeit zu begegnen. Nicht überall wird es gelingen, dem Abwanderungstrend entgegenzuwirken und gerade junge Menschen mit Ambitionen sollten auch ziehen können. Weiters ist es notwendig weiche Standortfaktoren stärker in den Fokus zu rücken: Gibt es attraktive und leistbare Wohnmöglichkeiten? Gibt es adäquate Möglichkeiten der Freizeitgestaltung? Gibt es ein bezahlbares Mobilitätsangebot? Gibt es ein angenehmes soziales Klima?

Oftmals wird auch vergessen, dass dort, wo Abwanderung stattfindet, es auch Zuwanderung gibt. Obwohl in Abwanderungsregionen der Wanderungssaldo negativ ausfällt, findet in diesen Regionen auch Zuwanderung statt. Häufig wird diese nicht als Potenzial erkannt. Dabei steckt darin eine Entwicklungschance. Das wird darin deutlich, dass selbst in den meisten Städten, die vielerorts Wachstumspole darstellen, die Bevölkerung fast ausschließlich aufgrund von "Neuankömmlingen" wächst.

Trotz der Forderung einer neuen Perspektive auf die Abwanderung kann nachvollzogen werden, dass in betroffenen Regionen Abwanderung als problematisch empfunden wird. Nur, wenn von politischer und zivilgesellschaftlicher Seite versucht wird, Regionen innovativ und ehrlich weiterzuentwickeln und an aktuelle Trends anzupassen, kann es auch gelingen zukunftsfähig zu bleiben.