Der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer scheint in seinem Kommentar in der "Wiener Zeitung" vom 8. August eine tolle neue Entdeckung gemacht zu haben. Er behauptet, dass es in Österreich eigentlich keinen Mangel an Pflegepersonen gebe, denn bezogen auf die Einwohnerzahl lägen wir bei den Pflegeberufen nur knapp hinter dem Spitzenreiter Norwegen. Als Beleg zieht er Zahlen der OECD heran.

Der abgesagte Pflegepersonalmangel klingt zu schön, um wahr zu sein. Und so ist es auch, denn leider übt er sich in der Kunst des Äpfel-und-Birnen-Vergleichs. Das Gesundheitsberuferegister, in dem Angehörige der Pflegeberufe als auch der MTD-Berufe erfasst werden, enthält alle Personen, die über eine aufrechte Berufsberechtigung verfügen. Und zwar unabhängig davon, ob und wie sie den erlernten Gesundheitsberuf tatsächlich ausüben. Die OECD zählt hingegen nur jene Pflegenden, die tatsächlich direkt mit pflegebedürftigen Menschen arbeiten. Die Zahlen sind also nicht vergleichbar, denn das Gesundheitsberuferegister führt auch Pflegepersonen in Management, Forschung und Lehre. Ebenso registriert sind Pflegende, die im Ausland arbeiten, Ausbildungsabsolventen ohne Arbeitsstelle, arbeitslose Pflegende oder Personen, die nun einen völlig anderen Beruf ausüben. Auch wer in Pension ist, kann eine aktive Berufsberechtigung im Gesundheitsberuferegister haben.

Österreich liegt damit bei der realen Verfügbarkeit von Pflegenden im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege leider nicht an vorderer Stelle, denn nicht alle im Register geführten Personen sind für die praktische Pflege verfügbar. Der Personalmangel ist ganz konkret feststellbar. Eine große AK-Umfrage unter den Gesundheitsberufen mit mehr als 14.000 Teilnehmern zeigte, dass fast zwei Drittel aller Pflegenden, ob im Krankenhaus oder in der Langzeitpflege, regelmäßig mehr arbeiten als in ihrem Arbeitsvertrag vereinbart. Ein Resultat zu dünner Personaldecken, das zu ständigem ungeplanten Einspringen aus der Freizeit führt. Dadurch verlieren viele Pflegende die Freude an der Arbeit und denken entsprechend häufiger an einen Berufswechsel. Für attraktivere Arbeitsplätze in der Pflege braucht es mehr Personal.

Wir haben also weiterhin einen hohen Bedarf an neuen Menschen in den Pflegeberufen. Die Gesundheit Österreich GmbH geht davon aus, dass die Absolventen der Pflegeausbildungen gerade den Abgang durch Pensionierungen decken können. Der absehbare demografisch bedingte Mehrbedarf geht sich aber nicht mehr aus. Das Wifo beziffert die benötigten Pflegenden allein in der Langzeitpflege mit 24.000 Personen bis 2030. Und da reden wir noch gar nicht von notwendigen qualitativen Verbesserungen.

Obwohl das Gesundheitsberuferegister die Planungsgrundlagen für den zukünftigen Personalbedarf deutlich verbessert, weisen die gesetzlichen Grundlagen leider immer noch einen entscheidenden Mangel auf: Das Ausmaß der realen Arbeitsverpflichtung wird nicht erfasst. Denn die Zahl der Köpfe allein sagt zu wenig über die Arbeitsstunden aus. Teilzeitkräfte arbeiten eben weniger lange als Vollzeitbeschäftigte. Damit bleibt das verfügbare Arbeitsvolumen in Form von Vollzeitäquivalenten leider weiterhin im Dunkel.

Kurt Schalek arbeitet als Referent in der Abteilung Gesundheitsberuferecht und Pflegepolitik der
Arbeiterkammer (AK) Wien.