Der Heilige Vater hat es jüngst nötig gefunden, in einem profanen Zeitungsinterview eine gewagte politische Parallele zu ziehen: "Ich bin in Sorge, weil man Reden hört, die denen von Hitler 1934 ähneln: ‚Zuerst wir. Wir . . ., wir . . .‘ - das
ist ein Denken, das Angst macht." ("La Stampa", 9. August)

Indem er die politische Gegenwart mit dem Nationalsozialismus vergleicht, greift der Papst zu einer Denkfigur, die vor allem im sich selbst als eher links verortenden intellektuellen Milieu Europas zur Standardausrüstung der politischen Auseinandersetzung mit dem ideologischen Gegner gilt.

Die Nazi-Keule ist im zeitgenössischen politischen Diskurs quasi das argumentative Schweizer-Messer geworden - für jeden Zweck universell einsetzbar. Einmal beschreibt der türkische Präsident Deutschland als "Nazi-Staat", dann wird Sebastian Kurz als "Baby-Hitler" verunglimpft, und dass Israel in den Palästinensergebieten "Nazi-Methoden" anwende, grölt fast Tag für Tag irgendein Antisemit vor sich hin. Vor allem in den Sozialen Medien ist diese Form der Totschlag-Argumentation so üblich, dass es bereits eine Bezeichnung dafür gibt: "Godwin’s Law", benannt nach einem US-Juristen und Autor, besagt nämlich: "Mit zunehmender Länge einer Online-Diskussion nähert sich die Wahrscheinlichkeit für einen Vergleich mit den Nazis oder Adolf Hitler dem Wert eins an."

Dass sich sogar der Nachfolger Petri so verhält, ist eher bedenklich. Denn der Mann ist zweifellos einer der bedeutendsten und wirkmächtigsten "Influencer" der Gegenwart, auf den hunderte Millionen hören. Und diese Menschen hören einen Vergleich, der erstens politischer Unsinn ist, sowie, zweitens und wesentlich gravierender, den Nationalsozialismus und dessen Verbrechen relativiert. Denn man kann an den Neuen Rechten Europas, von der AfD über Marine Le Pen bis hin zu Matteo Salvini, ja durchaus vieles kritisiere, aber sie in eine Linie mit Hitler zu stellen, der sechs Millionen Juden industriell abschlachten ließ, ist ahistorisch und falsch.

Vor allem aber ist es geeignet, bei den vielen historisch wenig gebildeten jungen Europäern ein mehr als problematisches Bild vom Nationalsozialismus entstehen zu lassen. Denn wenn, wie der Papst behauptet, Hitler so ähnlich geredet hat wie die Protagonisten der heutigen Neuen Rechten, dann ist der Schluss naheliegend, Hitler sei so etwas Ähnliches wie Le Pen oder Salvini gewesen. Von dort ist es nicht mehr weit zur Erkenntnis, die Nazis wären in Wirklichkeit auch nicht viel anders gewesen als heutige Rechtsaußen-Parteien und ihre Politiker.

Wer diesen Eindruck erweckt, relativiert die Verbrechen der Nazi-Zeit in einem absolut inakzeptablen Ausmaß.

Es ist leider nicht das erste Mal, dass der Heilige Vater sich in der Öffentlichkeit politisch so äußert, als stehe er in irgendeinem Wahlkampf um ein politisches Amt. Regelmäßig geißelt er den Kapitalismus, einmal verstieg er sich gar zur haarsträubenden Behauptung, wonach "diese Wirtschaft tötet", und immer wieder wettert er gegen eine angebliche "Vergötterung des Geldes".

Der Papst beweist damit vor allem eines: Dass sich seine Unfehlbarkeit vielleicht auf Glaubensfragen bezieht, nicht aber auf das wirkliche Leben.