Alexandra Prinz ist Pflegefachaufsicht und war Direktorin einer Pflegeeinrichtung in der Schweiz. - © privat
Alexandra Prinz ist Pflegefachaufsicht und war Direktorin einer Pflegeeinrichtung in der Schweiz. - © privat

Dieser Tage wird häufig von den Zukunftsfeldern der EU gesprochen. Man ist sich bewusst, was in den vergangenen Jahren für die Menschen in Europa alles erreicht wurde. Wie sehr die jüngere Generation durch das grenzenlose Europa reisen kann und von den grenzüberschreitenden Ausbildungsmöglichkeiten profitiert, von denen ihre Eltern nur träumen konnten und die Großeltern ihre Zukunft auf den Trümmern dieses Europas aufbauten - unser aller Europa aufbauten.

Doch dieses Europa hat vielerlei Gesichter, zahlreiche Geschichten und unzählige Perspektiven. Während die moderne Technik und die Medien ein von der Jugend geprägtes Bild an die Öffentlichkeit bringen, das Europa jung, dynamisch, technikaffin und in die Welt ausstrahlend präsentiert, wodurch sich die Politik profiliert, gilt Europa rein demografisch als alternder Kontinent, der seine besten Jahre hinter sich hat. Während man sich auf der einen Seite zu einem gemeinsamen Europa bekennt, nutzen die einzelnen Staaten die ökonomische Schieflage zur Stabilisierung der eigenen nationalen Wirtschaft und vor allem auch zur Entlastung der Sozialsysteme. Das zeigt sich vor allem in so herausfordernden Bereichen wie der Pflege.

Personalbedarf wird mit billiger Zuwanderung gedeckt

- © Illustration: Getty Images
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Mit der EU-Richtlinie 2005/36 wurde die Anerkennung von Berufsqualifikationen festgelegt. Das bedeutet, dass jede/r ausgebildete Krankenschwester oder -pfleger in einem anderen EU-Land arbeiten darf. Zugleich bedeutet das für die nationalen Gesundheitssysteme, das sich der Personalbedarf mit Zuwanderung aus Staaten decken lässt, wo die Gehälter niedriger als im Zielland sind. Mit dieser Anerkennung hat ein Migrationsstrom quer durch Europa eingesetzt, und zwar in der Regel von Ost nach West, was den unterschiedlichen Einkommensniveaus geschuldet ist. Bei der Anerkennung der Berufsqualifikationen hatte man in erster Linie nicht die Gesamtinteressen der Berufsgruppen im Visier, sondern jene der Deckung des günstigen Personalbedarfs in den reicheren westeuropäischen Staaten, der mit einer alternden Bevölkerung und hohen Kosten eines in wirtschaftlich besseren Zeiten entstandenen Sozialsystems zu tun hat.

Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass auch mit der alternden Bevölkerung wirtschaftliche Interessen verfolgt werden. So soll die Versorgung alter und kranker Menschen nicht mehr der öffentlichen Hand überlassen werden, sondern im Zuge der immer weiter fortschreitenden Privatisierung im Gesundheits- und Sozialwesen privaten Anbietern und damit Investoren in Form der Profitmaximierung dienen.