In der vergangenen Woche erreichten die Commerzbank-Aktien einen Tiefststand, auch die Deutschen-Bank-Aktie fiel wieder unter 6 Euro. Auch andere europäische Bankaktien notieren derzeit im Jahresvergleich an der unteren Grenze. Der Gründer des Finanzmediums "Real Vision", Raoul Pal, sieht sogar die Möglichkeit eines "vollständigen Zusammenbruchs" des europäischen Bankensektors. Dabei war noch vor kurzem von einer Erholung zu lesen. In Wien gab es sogar zwei Börsengänge - Bawag Group (Oktober 2017) und Addiko Bank (Juli 2019). Ist das ein Widerspruch?

Auf den ersten Blick vielleicht. Doch wenn man es so sieht, dass es sich bei den beiden Börsengängen um eine Art "Exit"-Strategie bisheriger Eigentümer handelt, um ihre Beteiligungen zu reduzieren oder ganz aufzugeben, erscheint dies in einem anderen Licht. Denn es gehört zum Geschäftsmodell institutioneller Investoren, ihre Unternehmenskäufe - hier sogar erfolgreiche Sanierungen - mit Gewinn zu realisieren, um Freiräume für neue Vorhaben zu schaffen. Das verbleibende beziehungsweise künftige wirtschaftliche Risiko übernehmen die Käufer der Aktien. Für die Banken ist ein Börsengang eine verantwortliche und notwendige Maßnahme, wenn absehbar ist, dass sich ihre Eigentümer nicht mit zusätzlichem Kapital weiter zu engagieren beabsichtigen. Angesichts zunehmender aufsichtsrechtlicher Eigenkapitalanforderungen wird für Europas Banken in den nächsten Jahren ein dreistelliger Milliarden-Euro-Betrag an Kapitalbedarf prognostiziert. Woher soll das Geld kommen, und wie lässt es sich möglichst rasch einwerben?

Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, wenn seitens der europäischen Bankenaufsicht das Geschäftsmodell einer börsennotierten Aktienbank bevorzugt wird, an der sich auch internationale Investoren beteiligen können. In der Dynamik, ein für Investoren attraktives Geschäftsmodell zu bieten, schaukeln sich immer größere Risiken und zusätzlicher Eigenkapitalbedarf wechselseitig auf. Die Risiken steigen, um die Aussicht auf höhere Erträge zu behalten, und sind durch zusätzliches Eigenkapital abzudecken, weil die Ausfallgefahr steigt und die Institute dafür selbst aufkommen sollen, um nicht wieder den Staat und damit die Allgemeinheit zu belasten.

Das Dilemma eines so verstandenen Geschäftsmodells für Banken zeigt sich daran, dass die Einlagen ihrer Kunden auf dem Spiel stehen. Deren Interessen sind konträr zu jenen der Eigentümer. Das Management hat diesen Spagat auszuhalten - es sei denn, die Investoren setzen selbst das Management ein, dann sind sich zumindest Eigentum und Kontrolle einig. Doch wie steht es ums Interesse der Kunden und letztlich der Allgemeinheit, Einlagen sicher zu verwahren und in einer verantwortungsbewussten Vergabe von Krediten vorübergehend zu verwenden? Dies schließt eine vor allem auf hohe Gewinne für die Eigentümer setzende Ertragsorientierung aus.

Daher wäre für Banken im Eigentum besonders ertragsorientierter Eigentümer eine eigene Einlagensicherung ratsam. Jene, bei denen die Interessen von Kunden, Eigentümern und Management weitgehend übereinstimmen, bereiten dabei im Fall der Fälle am wenigsten Probleme, sofern diese Interessenkongruenz auch beachtet wird.

Eine Börsennotiz und damit Marktorientierung einer Bank bedeutet stets, dass die Interessen auseinanderlaufen - es sei denn, die Kunden selbst halten die frei an der Börse handelbaren Aktien, wie es bei der 3-Banken-Gruppe (Bank für Tirol und Vorarlberg, BKS und Oberbank) größtenteils der Fall ist. Der Erhalt dieser Alternative zum Markt schließt es im Grunde aus, dass eine Beteiligung durch Investoren über einen Markt - nämlich die Börse, den Kapitalmarkt - möglich ist.

Holger Blisse ist Wirtschafts- und Sozialwissenschafter (Buchtipp: "Geld und Gesellschaft", Wissenschaftlicher Rat 2018).