- © Franz Baldauf
© Franz Baldauf

Ein Befund trübt die Freude über die aktuell günstige Arbeitsmarktlage: Selbst nach drei Jahren Hochkonjunktur sind 37,1 Prozent aller beim AMS vorgemerkten Arbeitslosen langzeitbeschäftigungslos. Wer das - und selbstverständlich die allgegenwärtige digitale Transformation - zum Anlass nimmt, öffentlich über das Ende der Dominanz der Erwerbsarbeit im Arbeitsleben sehr vieler Menschen nachzudenken, hat gute Chancen, als fürsorgliche Kassandra gerühmt zu werden.
Oder er wird auf Fachkräftemangel, regionalen Mismatch und sozialstaatlich ermöglichte Bequemlichkeit vieler Arbeitsloser hingewiesen - und sicherheitshalber zu stärkerem Realitätssinn ermahnt.

Nun ist es weder sachgerecht, so
zu tun, als könnten alle Langzeitbeschäftigungslosen wieder Arbeit finden oder zuvor eine Umschulung in Angriff nehmen; noch ist die Behauptung fair, es läge durchwegs nur an ihnen selbst oder am AMS, dass sie in ihrem Stand verbleiben.

Zynisch wäre es zweifelsohne, alle Warnungen vor einer zunehmend unheilvollen Spaltung des Arbeitsmarktes in den Wind zu schreiben oder als schicksalhaft hinzunehmen, wozu die Arbeitsmarktprozesse - selbst in der Hochkonjunktur - beitragen: dass für eine sehr große Zahl an Erwerbspersonen die persönliche Anerkennungsbilanz nicht mehr stimmt.

Abseits der traditionellen Arbeitsmarktanalyse zeigt sich Überraschendes: Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit werden einander - dem Wesen nach - zusehends ähnlicher: Einerseits nimmt in der modernen Berufswelt die Arbeit immer mehr den Charakter des sozial-kommunikativen Handelns an, das einst stärker dem politischen, dem zivilgesellschaftlichen und dem privaten Raum zugeordnet war. Das gilt nicht allein fürs Lehren oder Publizieren, sondern auch fürs Beraten und Verkaufen. Selbst beim Herstellen und Reparieren steht heute die Kommunikation als das Antworten auf individuelle Kundenbedürfnisse im gleichen Rang wie das Umsetzen selbst. Andererseits gewinnt die Nichterwerbsarbeit an Bedeutung und differenziert sich stärker aus, nicht allein bei Erziehung und Pflege von Angehörigen oder zivilgesellschaftlichem Engagement. So war das Ansehen handwerklicher Kompetenz schon lange nicht mehr so hoch und universell wie heute - in Bezug auf Heimwerkertum in Eigenregie.

Unter der Bedingung, dass der Übergang zu einem bedingungslosen Grundeinkommen ernsthaft geplant und angegangen wird, könnten die vielfältigen Formen der Nichterwerbsarbeit sogar noch viel stärker als bisher dazu beitragen, die gesellschaftliche Anerkennungsbilanz Langzeitbeschäftigungsloser deutlich zu verbessern. Denn den Wert von Arbeit bestimmen nicht allein Marktnormen. Seit jeher gibt es Arbeit, deren Wert nicht durch Kaufen und Verkaufen, sondern in je eigener - familiärer, kultureller, sozialer - Logik geschöpft wird. Werden persönliche und berufliche Kompetenzen am Markt nachgefragt und gut bezahlt, ist das unweigerlich ein wichtiger Faktor in den sozialen Grundlagen der Selbstachtung.

Haben Kompetenzen schlicht keinen Preis mehr am Markt (wie bei vielen Langzeitbeschäftigungslosen), dann trüge ein bedingungsloses Grundeinkommen zur Existenzsicherung bei - und die Nichterwerbsarbeit könnte soziale Positionierung und Selbstverwirklichung stärken. Alle wesentlichen Funktionen der Erwerbsarbeit wären auf die Nichterwerbsarbeit übertragen, dies aber nur unter der Voraussetzung einer kulturellen Veränderung des Arbeitsbegriffs, für die die Verähnlichung von Erwerbsarbeit und Nichterwerbsarbeit ein wichtiges Zeichen ist.

Schließlich ist die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens nicht allein wegen der anspruchsvollen Finanzierung umstritten. Die entscheidenden Bedenken sind kultureller Natur, weil zu befürchten ist, dass ein Einkommen ohne marktgeprüfte Leistung unser Gerechtigkeitsempfinden verletzen und somit den sozialen Zusammenhalt aufs Spiel setzen könnte.

Georg Grund-Groiss hat Philosophie und Politikwissenschaft studiert
und leitet seit 2010 die AMS-Geschäftsstelle in Wiener Neustadt.