In jenem meist eher städtischen Milieu, das durch gute Ausbildung, erfreuliche Einkommen und ernsthafte Sorge um das Wohlbefinden unseres Planeten charakterisiert ist, gehört es zum guten Ton, nicht nur penibel Müll zu trennen, sondern auch den Erwerb von Lebensmitteln und anderen Naturprodukten aus fernen Kontinenten zu vermeiden. Rindfleisch aus Argentinien, Erdbeeren aus Südafrika, Rosen aus Kenia - das geht bei dieser Avantgarde des nachhaltigen Konsums gar nicht. Regional ist sozusagen das neue Bio, dagegen zu verstoßen ein Sakrileg.

Die seit dem Ausrufen der Klimakatastrophe um sich greifende, leicht antikapitalistisch grundierte neue Lust am Verzicht - wer braucht schon T-Bones aus Südamerika? - verschmilzt auf interessante Art mit einer neobiedermeierlichen Attitüde der Heroisierung des Naheliegenden und Vertrauten; ähnlich der eigentümlichen Renaissance der Tracht selbst in Kreisen, die dergleichen bisher nur verspottet haben.

Die Fetischisierung des Regionalen bei gleichzeitiger Verteufelung des Fernen hat nur einen kleinen Nachteil: Sie erreicht nicht immer, was sie zu erstreben vorgibt, nämlich einen schonenden Umgang mit knappen Ressourcen. Aus anderen Kontinenten herangekarrte Produkte sind nämlich erstaunlicherweise in manchen - nicht allen - Fällen selbst unter Einberechnung des Transports wesentlich ökologischer als regionale. "Eine Rose, die in einem beheizten Gewächshaus in Paderborn gezogen wird, hat einen bis zu sechsmal höheren ökologischen Fußabdruck als eine Rose aus Kenia, die dort unter optimalen Bedingungen in der Sonne gedeiht", erläuterte jüngst der deutsche Wissenschaftspublizist Vince Ebert. Das Gleiche gilt für viele andere Produkte. "In Argentinien oder Neuseeland zum Beispiel werden Rinder und Schafe in riesigen Beständen gehalten in exakt den richtigen Biotopen. Dadurch ist die Produktivität der Fleischerzeugung mitunter um ein vielfaches höher als beim Biobauer um die Ecke (...), überhaupt ist die gesamte Haltung auf den Weideflächen weniger energieaufwendig als bei uns", ist in "Science" zu lesen. Das gilt unabhängig davon, ob Rosen und Steaks mit dem Flugzeug anreisen - die dadurch verursachten Emissionen machen nämlich nur einen Bruchteil der gesamten Ökobilanz aus.

Das heißt natürlich nicht, dass man nicht aus ganz anderen guten Gründen regionalen Produkten den Vorzug geben kann, sei es der individuelle Geschmack oder
einfach ein gewisser kulinarischer Patriotismus, wie er etwa in Frankreich als völlig angemessen gilt. Es heißt aber nicht, dass die Präferenz fürs Heimische auch die ökologisch sinnvollere Variante ist. Mitunter kann sie sogar die deutlich schädlichere sein.

Ein Muster taucht in der Klimadebatte immer wieder auf: Nicht kalte Fakten dominieren den Diskurs, sondern Befindlichkeiten und Gefühle. Eher wenige von denen, die etwa Rosen aus Kenia für Umweltfrevel halten, werden sich von Sachargumenten, die eindeutig gegen heimische Glashausware sprechen, überzeugen lassen. Weil dann das angenehme Gefühl moralischer Überlegenheit in sich zusammenbräche. Ein sachdienlicher politischer Diskurs lässt sich freilich auf der Grundlage von Emotionen und Befindlichkeiten kaum führen.