Idee bei einer Wanderung

An dieser Stelle ein Einschub zu Ban Ki-moon: Ich habe ihn kennengelernt, als ich Nationalratspräsident und er Botschafter der Republik Korea in Österreich war. Die Zusammenarbeit mit ihm war exzellent und angenehm, er war nicht nur ein hervorragender Diplomat und ein guter Vertreter der Republik Korea, sondern auch ein wirklicher Freund Österreichs, ein Freund der österreichischen Kultur - insbesondere der Musik - und ein Freund unserer Landschaft und Natur. Noch bevor seine normale Amtsperiode in Österreich zu Ende ging, wurde er vom südkoreanischen Präsidenten zum Außenminister bestellt, und es dürfte ihm nicht ganz leicht gefallen sein, Wien zu verlassen. Jedenfalls hielt er bei seinem Abschied eine berührende (und seither oft zitierte) Rede, in der er wörtlich erklärte, dass er nur "mit halbem Herzen" nach Südkorea zurückkehren werde, weil die zweite Hälfte seines Herzens in Österreich und in Wien zurückbleibe. Ich denke, dass das auch für seine liebenswürdige, kluge und bescheidene Frau Son-taek Gültigkeit hatte.

Aber bald darauf kam die erfreuliche und wichtige Nachricht, dass Ban Ki-moon in Nachfolge von Kofi Annan am 1. Jänner 2007 sein Amt als nächster Generalsekretär der Vereinten Nationen antreten werde. Dem folgte eine Periode von neuneinhalb Jahren, in der er UNO-Generalsekretär und ich gleichzeitig Bundespräsident der Republik Österreich war. Somit gab es alle Voraussetzungen für eine gute, intensive, freundschaftliche Zusammenarbeit bei vielen Themen. Ban Ki-moon wusste, dass er in Österreich immer willkommen war, und wir wussten, dass wir bei ihm in New York immer ein offenes Ohr hatten.

Eines Tages in dieser Zeit bei einer Wanderung in der Steiermark entwickelte er die Idee der Gründung einer kleinen quasi-internationalen Organisation mit Sitz in Wien, die sich mit den "Sustainable Development Goals" und insbesondere mit der Unterstützung von Frauen und jungen Menschen beschäftigen sollte. "Deine Amtszeit als österreichischer Bundespräsident endet im Juli 2016 und meine als UNO-Generalsekretär Ende 2016 - wir könnten dann gemeinsam etwas Nützliches tun", sagte er zu mir. So nutzten wir das Jahr 2017 für Vorbereitungen zur Gründung einer Institution, die den Namen "Ban Ki-moon Centre" erhielt und von ihm und mir als Co-Chairs geführt wird.

Österreichs Bundesregierung unterstützte dieses Projekt, und so bekamen wir nach Prüfung aller Voraussetzungen den Status einer quasi-internationalen Organisation mit Sitz in Wien und Kooperationspartnern unter anderem in Südkorea, Kuwait, den Niederlanden und in China und konnten Anfang 2018 beginnen.