- © Illustration: 9comeback, oni, rica Guilane-Nachez/stock.adobe.com
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Als ich bereits 2015 die wichtigsten globalen Trendentwicklungen und den zukünftigen Machtwettbewerb erforschte, prägte ich den Begriff des "Drachenbären", um die Wahrscheinlichkeit des Entstehens höchstrangiger systemischer Beziehungen und eine umfassende Annäherung zwischen China und Russland in verschiedenen Schlüsselbereichen zu beschreiben. Der "Drachenbär" ist weder eine Allianz noch eine Scheinehe, sondern eine vorübergehende asymmetrische Beziehung, in der China überwiegend tonangebend ist. Solange es ein gemeinsames Interesse gibt, den Einfluss der USA in allen Bereichen zurückzudrängen, wird die systemische Koordinierung verschiedenster Maßnahmen zwischen China und Russland trotz der sich abzeichnenden Spannungen in Bereichen, in denen sich die jeweiligen nationalen Interessen überschneiden, fortgeführt werden.

Einfluss der USA und Europas in Eurasien minimieren

Der wichtigste gemeinsame Nenner ist nicht nur das Ziel, sich den USA entgegenzustellen, sondern auch die Schaffung einer bedeutsamen eurasischen Landroute als Reaktion auf die maritime Dominanz der USA im indopazifischen Raum, um damit die Versorgungssicherheit im Falle künftiger Blockaden der Seewege sicherzustellen. Moskau und Peking verfolgen das gemeinsame Ziel, den Einfluss dritter Akteure, insbesondere der USA und Europas, in Eurasien zu minimieren.

Velina Tchakarova leitet das Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). AIES-Praktikant David Stefanovic hat ihren Text vom Englischen ins Deutsche übersetzt. - © privat
Velina Tchakarova leitet das Austria Institut für Europa- und Sicherheitspolitik (AIES). AIES-Praktikant David Stefanovic hat ihren Text vom Englischen ins Deutsche übersetzt. - © privat

In gewisser Weise sind sie freilich Rivalen; daher vermeiden sie es bewusst, Themen anzusprechen, die historische Feindseligkeiten betreffen oder ernsthafte Spannungen in ihren bilateralen Beziehungen auslösen könnten. Nach der Isolation Russlands im Westen (Georgien-Krieg 2008, Ukraine-Krieg 2014) sowie dem neu entstehenden Wettbewerb zwischen den USA und China verlagerten sich ihre Beziehungen hin zu einer umfassenden Koordinierung in verschiedenen Bereichen.

China und Russland haben ihre langjährigen Territorialstreitigkeiten beigelegt und ihre gemeinsame Grenze einvernehmlich festgelegt. Ihren bilateralen Beziehungen dürften also weder territoriale Ansprüche noch Grenzstreitigkeiten schaden. Obwohl beide in territoriale Konflikte mit Drittländern verwickelt sind, versuchen sie nicht, einander diesbezüglich gegenseitig zu belehren.

Konflikte von Zentralasien
bis Lateinamerika möglich

Potenzielle Konfliktpunkte zwischen Russland und China betreffen die geografische Priorisierung und die sich überschneidenden geopolitischen Interessen. Russland ist eine regionale Macht mit Atomwaffen von globaler Reichweite sowie geopolitischen und geoökonomischen Interessen von der Arktis über die eurasische Landmasse bis zum Mittleren Osten. Es gibt eine verfestigte russische Angst vor einer chinesischen Einflussnahme in Zentralasien, im Fernen Osten und in anderen traditionellen Einflusssphären wie dem Balkan, Osteuropa und dem Rest des postsowjetischen Raums. Darüber hinaus können Afrika und bis zu einem gewissen Grad auch Lateinamerika zu Konfliktzonen werden.