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Wahlkampfbedingt flackern derzeit einige Themen auf, die zuletzt in Vergessenheit geraten sind. Beispielsweise Studiengebühren. Sie werden fast ausschließlich von konservativer und wirtschaftsliberaler Seite befürwortet. Links der Mitte ist man strikt dagegen. Durch diese Frontstellung gerät das Potenzial sozialverträglicher Studiengebühren, Gerechtigkeitsdefizite im gegenwärtigen System zu verringern, aus dem Blick.

Dass Studiengebühren bei richtiger Gestaltung keine neuen Ungerechtigkeiten, keine Barrieren für einkommensschwache Studierende schaffen, wurde nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch vielfach bewiesen. Etwa mit dem australischen Modell einer einkommensabhängigen Darlehensfinanzierung. Erst ab einer gewissen Einkommensgrenze wird dieses Darlehen getilgt, die Tilgungsraten bemessen sich nach der Höhe des Einkommens. Niemand kann ernsthaft argumentieren, es sei ungerecht, wenn gutverdienende Absolventen einen Beitrag zu den hohen öffentlichen Kosten ihrer Ausbildung leisten müssen. Aber auch die österreichischen Gebühren anfang der 2000er Jahre haben niemanden am Studium gehindert. Das einkommensschwächste Drittel der Studierenden war damals von Gebühren befreit.

Aber Studiengebühren haben auch das Potenzial, Ungleichheiten im bestehenden System zu verringern. Wie lässt sich etwa die absurde Ungleichbehandlung von Kindergärten und Hochschulen rechtfertigen? Vorschulische Bildung hat die höchste Wirksamkeit, auch bei der Verbesserung von Startchancen für Kinder aus bildungsfernen Familien. Die OECD empfiehlt, für den Vorschulbereich 1 Prozent des BIP auszugeben. Österreich gibt gerade einmal 0,6 Prozent aus, und dabei handelt es sich großteils nicht um öffentliches Geld, sondern um die von Eltern bezahlten Gebühren. Fast alle Bildungsökonomen raten zu einer gebührenfreien vorschulischen Bildung einerseits und sozialverträglichen Studiengebühren andererseits. Österreich praktiziert genau das Gegenteil.

Es gibt den Einwand, man dürfe Kindergärten und Hochschulen nicht "gegeneinander ausspielen". Doch leider wächst das Geld nicht auf den Bäumen. Es wird immer Verteilungskonflikte über die öffentlichen Bildungsausgaben geben, und dabei müssen die richtigen Prioritäten gesetzt werden.

Niemand in Österreich tritt für exorbitante Gebühren wie in den USA ein. Aber können moderate Gebühren überhaupt relevante Einnahmen generieren? Kurioserweise wird diese Frage vor allem von jenen Personen verneint, die selbst minimalste Gebühren - in Österreich betrugen sie 363 Euro pro Semester - für eine unzumutbare Belastung für den einzelnen Studierenden halten. Wie es sein kann, dass ein für den Einzelnen viel zu hoher Betrag im Aggregat quasi verschwindet und nur noch ein vernachlässigbares Sümmchen bildet, ist eines der vielen Geheimnisse, welche die Fundamentalgegner von Studiengebühren erst noch lüften müssen.

Hans Pechar ist Professor für Hochschulforschung i.R. an der Alpen-Adria Universität.