"Examiniert, zertifiziert, schlecht honoriert" - so lautet die etwas holprig reimende Ansage des Österreichischen Verbands der allgemein beeideten und gerichtlich zertifizierten Gerichtsdolmetscher (die 70 bis 80 Prozent Frauen in diesem Berufsstand sind natürlich mitgemeint) zum geplanten Aktionstag am 17. September. "An diesem Tag werden Dolmetsch- und Übersetzungsaktivitäten für Gerichte und Behörden ausgesetzt. RichterInnen werden ersucht, für diesen Tag keine Verhandlungen, für die DolmetscherInnen benötigt werden, anzuberaumen", heißt es auf der Website des Berufsverbandes. Die Arbeit soll an diesem Tag niedergelegt und stattdessen protestiert und informiert werden. Der Grund: Man will auf die schlechte Honorierung der amtsbezahlten Tätigkeit von Gerichtsdolmetscherinnen und -dolmetschern aufmerksam machen.

In Österreich kein
geschützter Beruf

Der Beruf des Dolmetschens und Übersetzens ist in Österreich nicht geschützt. Theoretisch können alle, die mehr als eine Sprache verstehen, sprechen und schreiben - oder sich dazu berufen fühlen -, diese Tätigkeit ausüben. Das ist das eine Ende des Spektrums.

Heide Maria Scheidl ist allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Dolmetscherin für Englisch sowie Lehrbeauftragte am Zentrum für Translationswissenschaft und am Postgraduate Center der Universität Wien (www.best-practice-translations.eu). - © privat
Heide Maria Scheidl ist allgemein beeidete und gerichtlich zertifizierte Dolmetscherin für Englisch sowie Lehrbeauftragte am Zentrum für Translationswissenschaft und am Postgraduate Center der Universität Wien (www.best-practice-translations.eu). - © privat

Am anderen Ende steht eine vollumfängliche universitäre Ausbildung, die an drei Standorten (Graz, Innsbruck, Wien) in Österreich angeboten wird und zum Beispiel im Bachelor-Studium an der Universität Wien die Bezeichnung "Transkulturelle Kommunikation" trägt und im weiterführenden Masterstudium "Translation" heißt und mit einem von vier Ausbildungsschwerpunkten studiert werden kann: Fachübersetzen und Sprachindustrie, Übersetzen in Literatur/Medien/Kunst, Dialogdolmetschen, Konferenzdolmetschen.

Mindeststudiendauer: zehn Semester, vorausgesetzt man beherrscht die zwei gewählten Fremdsprachen vor Studienantritt bereits sehr gut. Ab Herbst 2019 ist - um die überbordende Zahl der Studienanfänger des im Trend liegenden BA-Studiums besser unter Kontrolle zu haben - zusätzlich ein Aufnahmetest vor der Zulassung zum Studium vorgesehen (wie seit vielen Jahren im Medizinstudium und jüngst etwa auch bei der Rechtswissenschaft).

Nachdem das Dolmetschen und Übersetzen jahrzehntelang als freier Beruf ausübbar war (wie etwa auch der von Journalisten, Notaren, Masseuren und Tierärzten) und somit nicht der Gewerbeordnung unterlag, entdeckte die Wirtschaftskammer in den Nullerjahren diese Gruppe von zumeist Einzelkämpfern für sich als potenzielle Beitragszahler und erreichte auf politischer Ebene, dass der Beruf nun als freies Gewerbe "Sprachdienstleistung" geführt wird. Für freie Gewerbe sind ein Gewerbeschein zu lösen und Kammerumlage zu bezahlen, ein Qualifikationsnachweis ist aber nicht erforderlich. Ausgenommen von der Gewerbescheinpflicht sind lediglich das literarische Übersetzen und das Gerichtsdolmetschen, sofern man diese Tätigkeit jeweils ausschließlich ausübt.