Bei Zertifizierungsprüfungen fallen zwei Drittel durch

Für das Gerichtsdolmetschen ist allerdings im Sachverständigen- und Dolmetschergesetz eine mehrteilige Prüfung vor einer dreiköpfigen Kommission mit landesgerichtlichem Vorsitz verpflichtend vorgesehen. Eine Zulassung zu dieser Prüfung ist erst nach mindestens zwei Jahren (bei Abschluss des Translationsstudiums) beziehungsweise fünf Jahren (ohne einschlägiges Studium) Dolmetsch- und Übersetzungserfahrung möglich. Trotz dieser hochgesteckten Grundvoraussetzungen fallen bei den Prüfungen regelmäßig mehr als zwei Drittel durch. Wer die schwierige Prüfung dann doch besteht, darf sich die sperrige, aber gesetzlich geschützte Bezeichnung "Allgemein beeidete/r und gerichtlich zertifizierte/r Dolmetscher/in" ans Revers heften, kommt ins hoheitliche Verzeichnis der österreichischen Justiz für Gerichtsdolmetscher des Justizministeriums und darf fortan beglaubigte Übersetzungen anfertigen und für Gerichte, Staatsanwaltschaften, Asylbehörden etc. dolmetschen und übersetzen. Diese Lizenz stellt aber keine zeitlich unbegrenzte Zulassung dar, eine Rezertifizierung mit umfassendem Weiterbildungs- und Tätigkeitsnachweis steht alle fünf Jahre an.

Zahl der Gerichtsdolmetscher hat sich halbiert

Es gibt also eine solide gesetzliche Basis. Die Gerichte sind angehalten, in erster Linie Personen aus dem Pool der Zertifizierten zu bestellen. Das System funktioniert aber aus Kapazitätsgründen nicht: Die Zahl der geprüften und eingetragenen Gerichtsdolmetscher hat sich in den vergangenen Jahren halbiert. Derzeit sind 721 Personen österreichweit auf der Zertifizierungsliste, das Durchschnittsalter liegt deutlich über 60 Jahren, Nachwuchs fehlt.

Und das hat vor allem auch mit der deplorablen Gebührensituation zu tun: Im österreichischen Gebührenanspruchsgesetz sind die Tarife für die hochqualifizierte Tätigkeit des Gerichtsdolmetschens geregelt. Das Gesetz stammt aus den 1970ern. Die darin festgelegten Sätze wurden zuletzt vor zwölf Jahren geändert, seither gab es nicht nur keine Inflationsanpassung, sondern sogar Abschläge bei einzelnen Gebührenbestandteilen.

Aktuell beträgt der gesetzliche Dolmetsch-Tarif für die erste halbe Stunde bei Gericht 24,50 Euro, für jede weitere halbe Stunde 12,40 Euro. Das antiquierte Gesetz bezeichnet diese Bezahlung der ureigensten Berufstätigkeit als "Gebühr für Mühewaltung". Daneben sind Gebühren für "Zeitversäumnis" (Wegzeit, Wartezeiten) sowie die Abgeltung der Reisekosten vorgesehen, und unter "sonstige Kosten" können Kuriositäten wie das "Reinschreiben der Übersetzung" - ein Relikt aus längst vergangenen Schreibmaschinenzeiten - beansprucht werden.