Nur ein Viertel des marktüblichen Honorars

Für eine vierstündige Gerichtsverhandlung (plus eineinhalb Stunden Wegzeit hin und zurück) kommt eine selbständig berufstätige, hochqualifizierte Dolmetscherin dann beispielsweise auf summierte 160 Euro brutto. Nach Abführung von Einkommensteuer und Sozialversicherung ergibt das einen Netto-Stundenlohn von weniger als 15 Euro. Diese Tarife gelten bei "amtswegiger" Erstattung der Gebühren, wenn also der Staat die Dolmetscherin bezahlt: in allen straf- und sozialrechtlichen Verfahren, wenn Verfahrenshilfe zusteht, im Asylverfahren etc.

Ein zusätzliches Problem dabei ist die Zahlungsmoral: Zwar muss die Gebührennote binnen 14 Tagen beim beauftragenden Gericht vorgelegt werden, je nach Personalverfügbarkeit und Verfahrenssituation und -dauer zahlen die Gerichte selbst aber oft erst Monate oder sogar Jahre später. Bei einem vergleichbaren Einsatz auf dem freien Markt, etwa bei der vierstündigen Konsekutiv-Dolmetschung einer Aktionärsversammlung, erzielt dieselbe Dolmetscherin erfahrungsgemäß (siehe auch Marktpreiserhebung des österreichischen Translationsberufsverbandes Universitas Austria) gut 500 bis 600 Euro brutto -und das beauftragende privatwirtschaftliche Unternehmen zahlt zuverlässig innerhalb von zwei Wochen.

Im Ergebnis ziehen die ohnehin zu wenigen zertifizierten Gerichtsdolmetscher die besser bezahlten Jobs in der Privatwirtschaft den mies honorierten Gerichtsaufträgen vor. Gerichte und Behörden sind dann gezwungen, vermehrt auf die Möglichkeit der sogenannten Ad-hoc-Beeidigung zurückzugreifen und/oder minder qualifizierte Personen zum Dolmetschen und Übersetzen zu bestellen.

Welche katastrophalen Konsequenzen das haben kann, wird anhand der Situation im Vereinigten Königreich deutlich. Dort hat man aus Spargründen im Jahr 2011 das ähnlich wie in Österreich derzeit funktionierende System der direkten Bestellung von qualifizierten und in ein zentrales Verzeichnis eingetragenen Gerichtsdolmetschern demontiert und die Erbringung und Organisation des Gerichtsdolmetschens an ein gewinnorientiertes Privatunternehmen ausgelagert.

Das kam die britische Justiz in der Folge teuer zu stehen: Die Privatisierung des Gerichtsdolmetschens versagte kläglich, für die um die Gewinnspanne des Generalunternehmens reduzierten Stundensätze konnte die beauftragte Agentur nicht ausreichend und meist nur schlecht qualifizierte Dolmetscher engagieren. Tausende Verfahren mussten in den Folgejahren wegen Nichterscheinen von Dolmetschern vertagt werden oder platzten wegen Fehlleistungen durch Laiendolmetscher. Die britische Justiz laboriert wortwörtlich bis heute. Nicht umsonst sagt man: "If you pay peanuts, you get monkeys."