Am 4. Februar 2000 war Wolfgang Schüssel auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn. Thomas Klestil gelobte ihn mit sicht- und hörbarem Unbehagen als neunten Kanzler nach 1945 an, als ersten der ÖVP seit 1966. Am 3. Oktober 1999 hatten 33,15 Prozent der Wähler für die SPÖ unter Viktor Klima gestimmt, 26,91 Prozent für die ÖVP. Schüssel hatte in den letzten Wahlkampfwochen noch tausende Stimmen mit dem Argument gewonnen hatte, seine Partei nur auf Platz zwei in der Regierung halten zu wollen. Die ÖVP hatte so zwar noch aufgeholt, Platz zwei aber dann doch verpasst - um nur 415 Stimmen gegenüber der FPÖ.

Schüssel, ganz cooler Machiavellist, wurde trotzdem Kanzler. Am 1. Februar 2000 unterzeichnete er spätabends im Parlament vor 200 Journalisten den Koalitionspakt mit der FPÖ. An seiner Seite: Jörg Haider. Demonstrativ vor beiden auf dem Tisch platziert: die Fahne der EU. Offen bleibt bis heute die Frage, ob Schüssel Schwarz-Blau schon seit der Wahl 1999 angepeilt hatte. Der Machtwechsel schien einer Mehrheit anfangs plausibel, die rot-schwarze Koalition wirkte verbraucht.

Schwarz-Blau enttäuschte aber bald viele Erwartungen. Die Koalition nutzte zwar im ersten Jahr ihres Bestehens die diplomatischen Proteste (Sanktionen) gegen ihre Bildung geschickt für sich; bald aber überwog der Eindruck, sie ersetze die reformbedürftige Konsensdemokratie durch eine Konfrontationspolitik ohne ausreichenden sozialen Dialog. Noch nie hatte eine Koalition in derart kurzer Zeit ihres Bestehens derart viele Gesetze beschlossen. Aber auch: Noch selten hatte eine Koalition (mit Ausnahme von Rot-Blau 1983 bis 1986) in derart kurzer Frist so viele Krisen durchgemacht. Geschuldet vor allem den Personalproblemen der FPÖ, die reihenweise Minister auswechseln musste. Die Folge: Bei den Wahlgängen bis 2002 legte die ÖVP nur schwach zu (Ausnahme: Steiermark), die SPÖ meist stark (am deutlichsten in Wien), die FPÖ stürzte bis 2002 regelmäßig ab.

Die Sanktionen, der Ärger mit Jörg Haider und Knittelfeld

Die österreichische Gesellschaft reagierte auf die Aufwertung Haiders tief gespalten: Erstmals musste eine Regierung unterirdisch zur Angelobung zum Bundespräsidenten marschieren, während tausende Demonstranten auf dem Ballhausplatz ihre Wut und Sorge hinausbrüllten. In der Folge konnte auch der kluge Stratege Schüssel aggressive Sprüche Haiders wie jenen über den "Westentaschen-Napoleon Chirac" nicht dämpfen. Die Regierungen der anderen EU-Staaten belegten die neue österreichische mit einem diplomatischen Bannfluch. Der hielt zwar Haider in Kärnten auf Distanz, half aber innenpolitisch keinem mehr als der neuen Regierung. Deren Taktik, die SPÖ und Klestil als Drahtzieher der Sanktionen darzustellen, ging anfangs auf, erst ihr Ende ein halbes Jahr nach der Wahl dämpfte sie.