Mit Alfred Gusenbauer als neuem Parteichef personalisierte die SPÖ eine Trendwende: Die Jahre des Verwaltens eines erstarrten Systems waren vorbei, eine Phase der Zuspitzung begann. Dafür schien der ehemalige Chef der Jusos gut geeignet: Trotz der hohen Schuldenlast seiner Partei und manchen Spotts über seine Erscheinung gewann er langsam an Boden.

Aber am stärksten wurde die Koalition Schüssel I durch eine Naturkatastrophe erschüttert: Im Sommer 2002 wurden auch weite Teile Österreichs vom Hochwasser überflutet. Schüssel kündigte eine Verschiebung der ohnehin kaum finanzierbaren Steuerreform zugunsten von Hilfszahlungen an, Haider revoltierte. Zusätzlich wurde gegen den Eurofighter-Ankauf parteiintern Stimmung gemacht: Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, Klubchef Peter Westenthaler und Finanzminister Karl-Heinz Grasser seien durch ihre Kontakte zum Austrokanadier Frank Stronach (dessen Magna-Konzern an Gegengeschäften in Zusammenhang mit dem Eurofighter-Kauf beteiligt wäre) "gekauft". Für den 7. September wurde ein Treffen aufmüpfiger Parteitagsdelegierter nach Knittelfeld einberufen. Dort zerriss der Kärntner FPÖ-Geschäftsführer Kurt Scheuch ein Kompromisspapier. Tags darauf erklärte das Trio Riess-Passer, Grasser und Westenthaler seinen Rücktritt, wieder einen Tag später Schüssel das Ende der Koalition und baldige Neuwahlen.

Die Schrumpfung der FPÖ vor der erneuten Koalition

Schüssel hatte 2002 so wie Ex-Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) 1986 die historische Chance erkannt, den Niedergang eines eigenen Projektes (jeweils ein Bündnis mit der FPÖ) in einen Sieg zu verwandeln; bei Schüssel war es sogar noch deutlicher: Noch nie hatte eine Partei während einer (noch dazu verkürzten) Legislaturperiode bei einer Nationalratswahl so zulegen können wie die ÖVP (mehr als 15 Prozent), noch nie hatte eine Partei so viel verloren wie 2002 die FPÖ (mehr als 16 Prozent, fast zwei Drittel ihrer Wähler). Und noch nie war in einer Parteizentrale der ÖVP eine solche Stimmung zu erleben wie am 24. November 2002. Schüssel wurde mit Standing Ovations und Sprechchören gefeiert, "Mr. Coolness" genoss, aber blieb wie stets kontrolliert. Er musste einen Koalitionspartner finden: Er entschied sich trotz eines kurzen Flirts mit den Grünen für die Weiterführung der Koalition mit dem nun viel kleineren und daher billigeren Partner.

In der zweiten schwarz-blauen Koalition (2005 wurde sie zur schwarz-orangen) konnte Schüssel viele seiner Ziele verwirklichen: große Teile der geplanten Pensionsreform gegen den ÖGB, den unpopulären Abfangjägerkauf gegen die "Krone", eine Steuerreform (wenn auch sicher nicht die von Grasser vollmundig beworbene "größte der Zweiten Republik"), eine (in manchen Punkten quer durch alle Parteilager umstrittene) Gesundheitsreform und eine ansatzweise Harmonisierung aller Pensionssysteme (mit langen Übergangsfristen und schon deshalb nicht alle gleich treffend).