Aber: Haider blieb ein latenter Unruheherd, diktierte seiner Schwester Ursula Haubner als neuer Parteichefin seinen Kurs ebenso wie dem Herbert Haupt als Vizekanzler folgenden Hubert Gorbach. Und dieser Kurs lautete: Eigenes Profil gewinnen, auch gegen den Koalitionspartner. Schließlich versuchte Haider, den Gordischen Knoten zu zerschlagen: Er gründete 2005 das BZÖ, eine orange angemalte FPÖ.

Die ÖVP fällt in den Umfragen hinter die SPÖ zurück

Die SPÖ brachte am 25. April 2004 Heinz Fischer gegen die ÖVP-Kandidatin Benita Ferrero-Waldner in die Hofburg, aber siegessicher konnte sie für die nächste Wahl nicht sein: Fast in allen politischen Diskussionsrunden wurde zwar heftig über Schwarz-Orange-Blau gemäkelt, aber eine richtige Wendestimmung kam nicht auf, die Debatten endeten oft in resignativem Schulterzucken, wenn es um die Kanzlerfrage oder rot-grüne Alternativen à la Deutschland ging.

Dennoch machte sich in der ÖVP Nervosität breit: Im Frühjahr 2006 fiel sie in Umfragen auf 37 Prozent und damit hinter die SPÖ zurück. Der Hauptgrund: die ungenügend kommunizierte Pensionsreform. Auch die Sympathie für den vor allem durch die Pflegedebatte als "sozial kalt" angegriffenen Kanzler ging zurück. Scheinbar ein Klacks freilich im Vergleich zum Schaden, den der Fast-Konkurs der Gewerkschaftsbank Bawag im März auch der SPÖ zufügte. Im Kanzlerwettrennen schien Gusenbauer Schüssel klar unterlegen. Während die ÖVP im Wahlkampf ganz auf die Person Schüssel setzte, wirkte der Themenwahlkampf der SPÖ (Bildung/Arbeit/Gesundheit) bieder und farblos.

Noch kurz vor der Wahl prophezeiten die meisten Meinungsinstitute der ÖVP einen klaren Vorsprung. Umso überraschender war dann das Ergebnis am 4. November 2006: Die SPÖ wurde trotz leichter Verluste mit 35,3 Prozent stimmenstärkste Partei, während ÖVP wesentlich mehr auf 34,3 Prozent verlor. Die Stimmung in der Lichtenfelsgasse glich diesmal der einer Trauerfeier. Vis-à-vis, im Festzelt der SPÖ, war hingegen Gusenbauer sichtlich bewegt, als er, sonst parteiintern oft umstritten, mit "Bundeskanzler, Bundeskanzler!"-Sprechchören gefeiert wurde.