Einige bemerkenswerte politische Umstände begleiten den Wahlkampf: Noch nie in der Zweiten Republik ging eine Partei mit so großem Vorsprung in die Wahl wie diesmal die ÖVP. Deshalb fehlt auch das in Österreich übliche Kanzlerduell. Inhaltlich läuft die Wahlauseinandersetzung eher mau: Es gibt - abgesehen vom Klimathema, reduziert auf die Frage: CO2-Steuer ja oder nein? - keinen wirklichen Ideologiestreit. Kein Spitzenkandidat wagt sich mit mutigen Ansagen aus der Deckung, niemand soll vergrault werden. Mediale Aufreger sind Hackerangriff, Parteienfinanzierung und Koalitionsvarianten. Ob diese Themen auch bei den Wählern aufschlagen werden, wird man wohl erst in den Analysen sehen. Der Auslöser für die vorgezogene Nationalratswahl, der Skandal um das Ibiza-Video, scheint wie vergessen. Die FPÖ hat HC Strache im Wahlkampf versteckt und profitiert - zumindest in den Umfragen - von der schmeichelweichen Umwerbung der ÖVP für eine Neuauflage von Türkis-Blau. Der Misstrauensantrag der SPÖ schenkt ÖVP-Chef Sebastian Kurz eine Märtyrerrolle, die ihn bei seinen Fans zum Helden macht, der über die Sommermonate für sein Comeback eine Aufholjagd in den Bundesländern mit tausenden Anhängern gestartet hat. So werden Wähler und Funktionäre mobilisiert, denn zu gute Umfragewerte sind Gift für die Motivation.

Damit hat schon im Juli ein langer Wahlkampf begonnen, der ein bisschen unter dem Motto zu stehen scheint: Alle gegen Kurz. Am türkisen Politstar arbeiten sich alle ab, auch jene, die ihm sicher keine Wähler abspenstig machen können. Umso paradoxer ist die Tatsache, dass alle Parteien indirekt um die Gunst des wohl auch künftigen Kanzlers buhlen, am unverhohlensten die FPÖ. Sie geht mit einer positiven Festlegung in den Wahlkampf: Entweder mit Kurz oder Opposition. Die heiße Frage ist also: Wer schafft Platz zwei?

Die Sozialdemokraten laborieren noch an den Nachwehen der Ära Christian Kerns. Die neue Chefin Pamela Rendi-Wagner, die sympathisch, integer und kompetent ist, erlebt im orientierungslosen Macho-Haufen SPÖ viel Gegenwind. Immerhin hat sie sich in ihrer politischen Performance gesteigert. So als würde sie zunehmend mehr auf ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen als den Einflüsterungen ihrer Berater.

Gut sieht es für die Grünen aus, die mit dem hegemonialen Thema Klimawandel und ihrem Ziel - zurück ins Parlament - Rückenwind haben und wohl zweistellig werden. Das hoffen auch die Neos, deren eloquente und vitale Spitzenfrau Beate Meinl-Reisinger mit Sachpolitik durchaus erfolgreich punkten dürfte.

Der Wahlkampf selbst steht unter dem Verdacht, in neue Dimensionen des Dirty Campaigning vorzudringen, falls sich herausstellt, dass der Hackerangriff auf die interne Kommunikation der ÖVP keine Maulwurfaktion oder Inszenierung war, wie viele Journalisten und die anderen Parteien gleich unterstellt haben, sondern, wie die ÖVP es nennt, ein "Angriff auf die Demokratie unseres Landes". Die Wählerschaft ist volatil wie noch nie, es gibt mittlerweile bis zu 40 Prozent Wechselwähler. In den letzten zwei Wochen bis zur Wahl ist also noch genug Zeit, sich zu entscheiden. Schwierig genug.