Bei Forschung und Entwicklung (Bild: IST Austria) ist Österreich eine europäische Spitzennation. - © apa/Herbert Pfarrhofer
Bei Forschung und Entwicklung (Bild: IST Austria) ist Österreich eine europäische Spitzennation. - © apa/Herbert Pfarrhofer

Österreich surft seit einigen Jahren auf einer Welle des wirtschaftlichen Erfolges. Der Konjunktureinbruch infolge der Lehmann-Pleite ist mittlerweile überwunden und einem beständigen Aufwärtstrend gewichen. Das belegen auch die jüngsten Zahlen der "Austrian Business Check"-Umfrage des KSV 1870: 70 Prozent der befragten Betriebe bewerten die Geschäftslage auch heuer wieder als sehr gut oder gut und auch das Investitionspendel schlägt kräftig aus. Mehr als drei Viertel der Teilnehmer bewerten die Investitionsstimmung im eigenen Betrieb als positiv. 43 Prozent wollten 2019 sogar mehr Geld in die Hand nehmen als im Vorjahr. Den von vielen Wirtschaftsforschern angekündigten Konjunkturdämpfer für das aktuelle Jahr spüren die befragten Betriebe - großteils KMU - nicht.

Verbesserung des Bestands
statt Innovationen

Alles wunderbar, könnte man also meinen, doch ein Blick auf die Investitionsmotive verrät, dass an der Unternehmensspitze die Vorsicht regiert. Wer jetzt Geld in die Hand nimmt, will die Wettbewerbsfähigkeit erhalten, die Gewinne steigern oder die Marktanteile ausbauen. Die Entwicklung neuer Produkte oder Geschäftsmodelle findet sich ebenso selten auf der Agenda wie Expansion durch neue Standorte oder die Adressierung neuer Märkte. Die Unternehmen stecken ihre Mittel in die Verbesserung des Bestandes - etwa in die IT, die Mitarbeiter oder die Werbung. Dies mit dem Ziel, mehr herauszuholen. Große Finanzierungsvorhaben oder Investments in Zukunftsthemen sind die Ausnahme.

Ricardo-José Vybiral ist Vorstand der KSV 1870 Holding AG. - © Petra Spiola
Ricardo-José Vybiral ist Vorstand der KSV 1870 Holding AG. - © Petra Spiola

So lässt sich erklären, warum echter Pioniergeist heutzutage eher bei Start-ups und Jungunternehmern spürbar ist. Ältere Betriebe wagen sich oft nur schwer aus der Komfortzone, denn viele haben die Krisenjahre nur durch Optimierung, Risikomanagement und knallharte Kostenkontrolle überstanden. Nun fetten sie ihre Finanzstruktur auf. Die Eigenkapitalquote jener Firmen, die schon in den vergangenen Jahren positiv war, hat sich spürbar verbessert. Gleichzeitig ist die Anzahl jener Betriebe, deren Quote negativ war, konstant weniger geworden. Und auch die durchschnittliche Bilanzsumme ist massiv gewachsen. Dennoch wäre es in Zeiten der Digitalisierung unklug, strategische Zukunftsfragen auf später zu verschieben. Die Weichen müssen in Wachstumsphasen gestellt werden, also jetzt.

Das aktuelle Wirtschaftswachstum wird von niedrigen Insolvenzzahlen flankiert. Seit fünf Jahren stagnieren sie auf niedrigem Niveau, und das bedeutet, dass mehr Unternehmen überleben, die Menschen ihre Jobs behalten und Gläubiger seltener zu Schaden kommen. Dennoch fragt sich so mancher Insolvenzexperte im KSV 1870 hin und wieder, ob die Wirtschaft überhaupt noch ein ausreichendes Maß an Dynamik aufweist. In jedem Fall ist der aktuelle Status quo nicht nur dem Wirtschaftswachstum geschuldet, sondern der sehr lange andauernden Niedrigzinsphase. Sie hält momentan auch jene Unternehmen über Wasser, die unter "normalen" Bedingungen eigentlich schon insolvent wären. Zu finden sind sie unter jenen 11 Prozent an Unternehmen, die in Österreich bereits heute ein erhöhtes Ausfallrisiko aufweisen.