Der Mensch ist, gemessen an den Arten, die die Erde bevölkern, bestenfalls Mittelmaß. Er kann nicht fliegen, nur schlecht schwimmen, nicht besonders schnell laufen, hat keine gefährlichen Reißzähne oder Klauen und übertrumpft seine Fressfeinde weder durch besondere Größe noch durch außergewöhnliche Körperkräfte. Was ihn trotzdem zur erfolgreichsten Art des Planeten gemacht hat (abgesehen vielleicht von den Ratten, aber an deren Erfolg ist der Mensch ja nicht unbeteiligt), sind seine Vielseitigkeit, seine Intelligenz und seine soziale Interaktion: Der Mensch kann so gut wie alles, was Kohlenstoff und ein paar Spurenelemente enthält, als Nahrung nutzen, sie aufspüren und sichern sowie mit Artgenossen (und auch einigen Tierarten) uneingeschränkt interagieren.

Die ersten paar hunderttausend Jahre lebte der Mensch als Jäger und Sammler in Kleingruppen, in dieser Zeit entstand im Wesentliche unsere körperliche und mentale Grundausstattung, die sich seit der Neolithischen Revolution, die vor etwa 40.000 Jahren begann und mit der beginnenden Landwirtschaft den Grundstein für ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum legte, kaum verändert hat. Im Grunde seines Herzens ist auch der Mensch des 21. Jahrhunderts immer noch der Mammutjäger, der auf das Funktionieren seiner In-Group auf Gedeih und Verderb angewiesen ist und sich genau so verhält.

Das steinzeitliche Erbe
in der Gegenwart

Herbert Geyer studierte Lehramt in Wien und ist Journalist. Bis zu dessen Einstellung war er Redakteur beim "WirtschaftsBlatt", zuvor hatte er für die "Wochenpresse" und die "Wirtschaftswoche" geschrieben. Der vorliegende Text ist auch im Magazin "Couleur" erschienen. - © privat
Herbert Geyer studierte Lehramt in Wien und ist Journalist. Bis zu dessen Einstellung war er Redakteur beim "WirtschaftsBlatt", zuvor hatte er für die "Wochenpresse" und die "Wirtschaftswoche" geschrieben. Der vorliegende Text ist auch im Magazin "Couleur" erschienen. - © privat

Um mit ein paar mit Speeren und Steinen bewaffneten Menschen ein Mammut erfolgreich jagen zu können, das mit seiner Körpermasse die gesamte Jagdgesellschaft übertrifft, ist es nötig, Konsens über die gemeinsame Taktik herzustellen und dann auf Zuruf eines Anführers exakt die vereinbarten Handlungen zu setzen. Wobei jenen das größte Gewicht zukommt, denen die anderen die meiste Jagderfahrung zutrauen. Nachhaltig kann dies natürlich nur funktionieren, wenn am Ende die Beute gerecht aufgeteilt wird - wobei es sowohl den individuellen Beitrag zur Jagd zu würdigen gilt (also das Leistungsprinzip) als auch den Bedarf, etwa die Zahl der vom einzelnen Jagdteilnehmer zu erhaltenden, selbst nicht jagdfähigen Familienmitglieder.

Genau das - das Bedürfnis nach Konsens, Führung und Gerechtigkeit - prägt auch heute noch unser Verhalten in der sozialen Interaktion, auch wenn es längst nicht mehr um die gemeinsame Jagd geht, sondern um komplexe Problemstellungen wie europäische Integration, Arbeitslosigkeit oder Asylrecht. Erleichtert, aber auch erschwert wird die soziale Interaktion durch einen anderen Teil unseres steinzeitlichen Erbes: die Unterscheidung zwischen In- und Out-Group, zwischen "Wir" und den "Anderen", gegen die zumindest Skepsis, in der Regel aber Abwehrbereitschaft bis hin zu offener Feindseligkeit gefordert ist, weil es sich dabei ja um Konkurrenten um die eigene Jagdbeute handeln könnte. Andere Kontakte außer dem gelegentlichen Austausch einzelner Personen der Liebe wegen bringen zwischen Jäger-und-Sammler-Kulturen kaum etwas: Der Handel zwischen zwei Gruppen, die dasselbe jagen und sammeln, ist kaum sinnvoll. Er entwickelt sich erst nach der Neolithischen Revolution, als die durch die Landwirtschaft verbesserte Grundversorgung erste Spezialisierungen ermöglicht und Handwerk entstehen lässt.