"Wir" gegen die "Anderen" in verschiedenen Ausformungen

Die Unterscheidung von "Wir" und den "Anderen", die in der Jagdgesellschaft, in der jeder jeden auch persönlich kennt, noch relativ einfach zu handhaben ist, wird in einer globalisierten Gesellschaft zum unauflöslichen Durcheinander: Das "Wir" kann die eigene Familie sein gegenüber den Nicht-Verwandten, es können die Steirer, Tiroler, Kärntner sein, die "gegen Wien" schimpfen, oder die Österreicher, Ungarn, Polen "gegen Brüssel" oder die Europäer gegen "die Migranten". Es geht aber auch - je nach gerade herrschendem Konsens - Katholiken gegen Protestanten, Christen gegen Muslime, Arm gegen Reich, Frauen gegen Männer, Jung gegen Alt, alle gegen die Juden etc.

Im Dreieck Führung-Konsens-Gerechtigkeit scheint die Führung das geringste Problem zu sein. Jahrtausendelang haben gottgleiche Pharaonen oder von Gottes Gnaden berufene Fürsten das kollektive Bedürfnis nach Führung ausreichend befriedigt - ehe sie letztlich am Mangel an Konsens und sozialer Gerechtigkeit scheiterten. Erst seit wir durch die Demokratie diesen beiden Bedürfnissen näher gekommen sind, scheitern Führer immer öfter daran, dass wir Führung nur auf Zeit und mit gleichzeitig wirkenden kontrollierenden Gegenkräften verleihen, im Grunde unseres Herzens von unseren Führern aber nach wie vor diktatorisches Eingreifen verlangen. Am Mangel an Führung ist nicht nur die Erste Republik gescheitert, weil ihre Kanzler für ihre Vorhaben im Parlament nicht ausreichende Mehrheiten finden konnten, sondern zuletzt auch Rot-Schwarz, weil der jeweils andere Koalitionspartner so gut wie jedes Vorhaben blockierte. Und eine Führung, die nicht führt, lehnt der Steinzeitmensch in uns ab. Dieser Konsens ist - im Gegensatz zu einem über konkrete Vorhaben - leicht zu finden. Das Dramatische daran: Der Vertrauensverlust in die Führungskraft der Regierenden führt in einer parlamentarischen Demokratie mehr oder weniger zwangsläufig zu einer Zunahme der Oppositionsparteien im Parlament und macht daher mehrheitsfähige Regierungen nur noch dann möglich, wenn sie aus noch mehr Parteien bestehen und daher in sich immer inhomogener werden - wodurch sie weiter an Führungskompetenz verlieren. Zwangsläufige Folge - siehe Erste Republik: ein Vertrauensverlust in die Demokratie an sich, der zu ihrer Zerstörung und letztlich zur Diktatur führt.

Führung ist zumindest
kurzfristig wichtiger als Inhalt

Dass Führung an sich zumindest kurzfristig wichtiger ist als jeder damit verbundene Inhalt, beweist übrigens das nach wie vor gute Standing der vergangenen türkis-blauen Koalition: Obwohl die Regierung in kaum einem relevanten Politikfeld irgendein Problem der Lösung näher gebracht hat und die beschlossenen Maßnahmen zum Teil zum direkten Nachteil wichtiger Wählergruppen der beiden Parteien führten, verlor die Koalition kaum an Popularität - nicht zuletzt wohl auch, weil so gut wie jede ihrer Maßnahmen vorgeblich gegen die momentan unpopulärste Out-Group gerichtet war: gegen Ausländer und insbesondere Migranten.

Die Konstruktion dieser nicht sehr trennscharf definierten Out-Group erleichtert auch den Umgang mit dem in Zeiten gewaltiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche besonders schwierig zu lösenden Problems der sozialen Gerechtigkeit: Wer nicht an der Mammutjagd beteiligt war und nicht einmal zur engeren Familie der Mitjäger gehört, hat auch keinen Anspruch auf Teilhabe an der Beute. Für eine vorgeschichtliche Jägergruppe, die konkurrierenden Stämmen in den Weiten der Savanne oder Tundra ausweichen konnte, war das zweifellos eine zielführende Strategie. In einer globalisierten Welt voller Interdependenzen kann sie nur in den Abgrund führen. Das Halten von Menschen in Staaten oder gar noch größeren Einheiten ist offenbar nicht artgerecht.

Der vorliegende Text ist auch im Magazin "Couleur" erschienen.