Der Sturz der extrem unpopulär gewordenen Qing-Dynastie im Jahr 1911 eröffnete ein neues Kapitel in der Geschichte Chinas. Damit war die Grundlage gelegt für eine Umwälzung der Gesellschaft durch starke patriotische und revolutionäre Strömungen und für die Gründung einer kommunistischen Partei 1921 in Shanghai unter Mitwirkung von Mao Zedong, aber auch der nationalistischen Kuomintang-Bewegung, in der Chiang Kai-shek ab 1925 die Führung übernahm. Die japanische Invasion, der Zweite Weltkrieg und der Bürgerkrieg zwischen Nationalisten und Kommunisten zerrütteten das verarmte Land zusätzlich und forderte in den drei Jahrzehnten von 1919 bis 1949 viele Millionen Tote.

Am 1. Oktober 1949 begann dann die "Gegenwart" Chinas, die zunächst von der eisernen Faust Maos und seiner Anhänger geprägt war und dann - nach dem Ende der zerstörerischen Kulturrevolution und dem Tod Maos 1976 - von Deng Xiaoping in eine Periode der Reformen und der Öffnung übergeleitet wurde, die wahre Wunder wirkte. Etliche Zahlen und Indikatoren machen diesen Aufschwung messbar. Hier eine kleine Auswahl:

Das Bruttonationaleinkommen der Volksrepublik China hat sich zwischen 2008 und 2018 von 4,1 auf 13,2 Billionen US-Dollar erhöht.

Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich im selben Zeitraum von 3467 Dollar auf 9608 Dollar fast verdreifacht.

China gilt heute in der Regel als die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, aber eine Analyse auf Basis von Kaufkraft-Paritäten zeigt, dass China mit 18 Prozent des globalen BIP bereits Europa (17 Prozent) und die USA (15 Prozent) überholt hat.

Das heutige Pro-Kopf-Einkommen in China beträgt 40 Prozent des europäischen Durchschnittseinkommens, während es 1990 bei 7 Prozent lag.

Ein multipolares System löst die alte bipolare Weltordnung ab

Das alles hat natürlich auch machtmäßige Auswirkungen und entsprechende Gewichtsverschiebungen zur Folge. Heute haben wir eine Situation erreicht, wo die jahrzehntelange bipolare Weltordnung - hier die USA und ihren Verbündeten, dort die Sowjetunion und ihre Verbündeten - von einem multipolaren System abgelöst wird, in dem die USA, China und Europa die stärksten Säulen bilden. Im Westen ist Chinas rasante Entwicklung vielfach Anlass zur Sorge - obwohl China auch als Wirtschaftsmacht Nummer eins noch lange nicht Militärmacht Nummer eins sein wird; denn auf diesem Gebiet ist der Vorsprung der USA bis auf Weiteres uneinholbar.

Die Sorge der USA als Nummer eins ist verständlich, aber das kann aus europäischer Sicht kein Anlass sein, auf eine vernünftige und gleichberechtigte Zusammenarbeit mit China zu verzichten. Die EU handelt vielmehr richtig, wenn sie auf gute und faire Beziehungen mit China - mag es nun die größte oder zweitgrößte Wirtschaftsmacht sein - weiterhin großen Wert legt. Sie handelt richtig, wenn sie China selbstbewusst und unter Wahrung der eigenen Interessen begegnet und dabei insbesondere auf Fairness und Reziprozität Wert legt - wie das auch in zahlreichen Dokumenten der EU festgelegt wird. Österreich handelte richtig, als beim Besuch des Bundespräsidenten im April 2018 in Peking vereinbart wurde, die Beziehungen mit China "auf die Ebene einer von Freundschaft getragenen strategischen Partnerschaft anzuheben" - und wir werden auch in Zukunft unsere Einstellung zu Fragen der Menschenrechte darlegen.