In normalen Zeiten erhält eine Nationalratswahl in Österreich vom Berliner Politikbetrieb selten mehr Aufmerksamkeit als ein mittlerer Gewerkschaftskongress in Nordrhein-Westfalen. Man schmunzelt ein wenig über traditionelle Eigentümlichkeiten und nimmt ansonsten das Ergebnis zur Kenntnis. Gemessen an diesen Maßstäben erleben wir derzeit alles andere als normale Zeiten. Geradezu obsessiv schaute die deutsche Öffentlichkeit nach Süden. Seit Tagen beherrschte die österreichische Nationalratswahl die Berichterstattung, und kaum eine große Redaktion kam umhin, ihre journalistischen Schwergewichte nach Wien zu entsenden, um eintrudelnde Hochrechnungen in Echtzeit einordnen zu lassen. Am Wahlabend selbst gab es Liveblogs und Stimmungsberichte von den Wahlpartys der Gewinner und der Verlierer.

All das ist großteils dem Ibiza-Skandal zuzuschreiben, in dem deutsche Medien bekanntlich keine kleine Rolle spielten. Nach Ibiza blickten deutsche Beobachter mit exakt der Mischung aus Faszination und genussvollem Grausen nach Österreich, mit der ansonsten Massenkarambolagen auf der Autobahn bedacht werden. Würde es wirklich trotz allem zu einem unverändert starken Abschneiden der FPÖ kommen? Manch ein flammendes J’accuse dürfte schon vorformuliert die Reise nach Wien angetreten haben. Nur kam dann alles doch ganz anders: Die Freiheitlichen wurden abgestraft, der erwartete Skandal nach dem Skandal blieb aus.

Michael Bröning leitet das Referat Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. - © Joanna Kosowska
Michael Bröning leitet das Referat Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin. - © Joanna Kosowska

Der Blick nach Österreich als Blick in die eigene Zukunft

Doch wurde das Wahlergebnis in Berlin deshalb nüchtern aufgenommen? Kaum. Beobachter machten sich schon am Wahlabend daran, mögliche Lehren zu identifizieren. "Fünf Lektionen, die Deutschland lernen kann" identifizierte "Die Welt", die "Süddeutsche Zeitung" verkündete "Drei Lehren aus der Österreich-Wahl", und der "Cicero" erkannte ganz grundsätzlich "Ein Signal - auch für Deutschland". Natürlich geht es dabei stets auch darum, die Ergebnisse für aktuelle innenpolitische Auseinandersetzungen zu nutzen: Was heißt das für die "GroKo" in Berlin, für den Umgang mit der Rechten und für kommende Wahlstrategien?

All das erscheint so relevant, weil der Blick nach Österreich in Berlin nach wie vor häufig als Blick in die eigene Zukunft wahrgenommen wird. "Die Gegenwart im Nachbarland könnte auch Deutschlands Zukunft sein. Eine Warnung", raunte etwa der "Tagesspiegel". Diese Vorstellung von Österreich als Sensorium für Entwicklungen, die mit einiger Verzögerung auch in Deutschland durchschlagen, ist dabei zunächst durchaus plausibel. Schließlich nahm nicht zuletzt der Aufstieg der FPÖ den Erfolg der AfD um Jahrzehnte vorweg. Und auch die Konsequenzen ewiger großer Koalitionen ließen sich in Reinform zuerst an der Donau studieren.