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Es ist ein Urteil, auf das ganz Spanien wartet: Im Oktober wird der Oberste Gerichtshof in Madrid über die strafrechtlichen Vorwürfe gegen zwölf katalanische Aktivisten entscheiden. Den Angeklagten - unter ihnen befinden sich ehemalige katalanische Regierungsmitglieder - werden Rebellion, die Veruntreuung öffentlicher Gelder und Ungehorsam zur Last gelegt. Unabhängig davon, wie die Richter entscheiden: Das Urteil wird einen weiteren Höhepunkt in der emotionalen Diskussion um die katalanische Unabhängigkeit markieren.

Angesichts der aktuellen Situation Kataloniens ist es kaum vorstellbar, dass vor gut hundert Jahren noch kaum jemand in Katalonien das Wort "independència" in den Mund nahm. Denn in den Anfängen des politischen Katalanismus Ende des 19. Jahrhunderts hatte man meist eine Föderation mit dem Rest Spaniens im Sinne. Der Vorwurf, man verstecke dahinter nur den Wunsch nach Unabhängigkeit, wurde damals aufs Heftigste zurückgewiesen. Die Katalanen wollten Autonomie, keine Unabhängigkeit.

Zunächst links gesinnt,
danach konservativ

Harald Jauk ist Jurist und Romanist. Seine Dissertation behandelt die Entwicklung von Identität und Nationalismus in den katalanischsprachigen Kerngebieten Spaniens. - © Zsolt Marton
Harald Jauk ist Jurist und Romanist. Seine Dissertation behandelt die Entwicklung von Identität und Nationalismus in den katalanischsprachigen Kerngebieten Spaniens. - © Zsolt Marton

Anfangs war diese Bewegung linker Gesinnung angesichts der Forderung einer Revolution "von unten" und sozialer Gleichheit - bis Spanien seine letzten bedeutsamen Kolonien verlor. Das im Kuba-Krieg 1898 erlebte Desaster, der endgültige Niedergang der Weltmacht Spanien, war gleichzeitig der Beginn des mehrheitsfähigen konservativen Katalanismus. Bald stellte man die stärkste politische Kraft, es blieb aber bei Autonomieforderungen, alles andere war tabu.

Erst nach dem Ersten Weltkrieg kamen separatistische Parteien auf, die jedoch nicht mehrheitsfähig waren. Denn dem Großteil der Katalanen waren die Separatisten zu radikal. Die Diktatur Primo de Riveras (1923 bis 1930), welche die katalanische Sprache und Kultur weitgehend verbot beziehungsweise einschränkte, war jedoch Nährboden für den katalanischen Nationalismus.

Diese Entwicklung setzte sich 1939, als der Diktator Francisco Franco an die Macht kam, fort. Die Repression der katalanischen Kultur wurde intensiviert, das Katalanische in Wort und Schrift komplett verboten, Katalanisten begaben sich ins Exil oder wurden verfolgt. Doch genau das, was man nicht darf, ist oft besonders reizvoll. So sprach man zuhause und im Geheimen Katalanisch, und auch die berühmten katalanischen Dichterwettbewerbe "Jocs florals" fanden weiterhin (teils im Exil) statt.

Auch in den anderen katalanischsprachigen Gebieten - vor allem in Valencia und auf den Balearischen Inseln - scheiterte die spanische Regierung mit ihren Bemühungen, regional-nationalistisches Gedankengut zu unterbinden. So befürwortete der Valencianer Joan Fuster in den 1960ern "die Einheit der katalanischen Länder", also die Verwandlung des gesamten katalanischen Sprachgebiets in einen eigenen Staat. Dies gelang aber keineswegs.