Vielmehr kamen in den 1970ern der sprachliche Sezessionismus und der Blaverismus auf, die den valencianischen Dialekt innerhalb des Katalanischen als eigene Sprache ansahen und die Unterschiede Valencias gegenüber Katalonien unterstrichen. Auf den Balearen kam es teils zu ähnlichen Szenarien, doch hatten die balearischen und valencianischen Nationalismen nie den sozialen Rückhalt, den sie in Katalonien genossen.

Nach dem Tod Francos 1975 gab es einen gewissen Aufschwung des Katalanismus, der jedoch zunächst weiterhin autonomistisch und nicht separatistisch geprägt war. Auf Basis der noch immer geltenden spanischen Verfassung von 1978 erlangte Katalonien ein Autonomiestatut, das das Verlangen nach Autonomie zunächst befriedigte. Katalonien erhielt eine Regionalregierung und weitreichende Kompetenzen im Kultur-, Bildungs- und Sozialbereich. Auch die katalanische Sprache bekam den offiziellen Status, den sie bis heute in Katalonien hat.

Aus "autonomia"
wurde "independència"

Einmal Blut geleckt, wollte man jedoch mehr. Nach 23 Jahren unter der Führung des konservativen Katalanisten Jordi Pujol, konnten die Sozialisten im Jahr 2003 mit der Forderung einer Ausweitung des Autonomiestatuts den Posten des Regionalpräsidenten neu besetzen. Im Reformprojekt des Statuts wurde Katalonien als "Nation" bezeichnet und das Katalanische als "bevorzugte" Sprache deklariert. Spaniens Verfassungsgerichtshof stufte diese und andere Teile des Reformstatuts als nicht rechtswirksam beziehungsweise verfassungswidrig ein.

Das führte bei vielen Katalanen zu einem Umdenken: Der Rahmen innerhalb Spaniens ist ausgeschöpft, nun muss es also außerhalb Spaniens weitergehen. Aus "autonomia" wurde "independència". Auch der Eindruck, Nettozahler im spanischen Steuersystem zu sein, spielte vor dem Hintergrund der damaligen Wirtschaftskrise eine Rolle. Außerdem richtete man den Fokus - weg von den identitären Grundlagen der Unabhängigkeit - auf die demokratische "Rechtmäßigkeit" dieser. Anders gesagt: Die katalanische Identität und ihre sprachlich-kulturellen und historischen Grundlagen traten vermehrt in den Hintergrund, wobei das "demokratische Recht" der Katalanen, über ihr eigenes Schicksal (zum Beispiel per Referendum) zu entscheiden, in den Vordergrund trat.

Die Schaffung dieses Unabhängigkeit-Demokratie-Konnexes könnte der eigentliche Clou der Katalanistenführer gewesen sein, um den Wandel von Autonomiewünschen zu Unabhängigkeitsforderungen zu vollziehen. Der bevorstehende Ausgang des Prozesses gegen die Unabhängigkeitsbefürworter wird nun wohl ein weiteres Indiz für die derzeitige Aussichtslosigkeit der Umsetzung dieser Forderungen sein.