Wir können die Gegenwart unseres zeitgenössischen Kapitalismus grob auf zwei Weisen beschreiben: Der Wohlstand wächst kontinuierlich, wenn auch nicht mit den Wachstumsraten früherer Zeiten, und wenngleich auch die Schere zwischen Reich und Arm weiter aufgeht, so kommt auch die Mittelschicht ganz gut voran. Wir leben in bequemeren Wohnungen, jeder hat ein Dach über den Kopf, das Ausbildungsniveau steigt stetig an, und mit ordentlichen Qualifikationen kann man den individuellen Aufstieg schaffen. Und wir haben viel geilere Güter, als wir uns vor dreißig Jahren noch erträumen hätten können. Kurzum: Es geht uns allen viel besser, als es in den Schauergeschichten nörglerischer Globalisierungskritiker erscheinen mag.

Aber dann gibt es auch die mindestens ebenso plausible Gegengeschichte. Strukturwandel und Globalisierung haben das Leben zu einem einzigen Wettkampf gemacht, bei dem einige schon richtig unter die Räder kommen: die ehemaligen Arbeiterklasse, die Menschen, in deren Leben Prekarität einzieht, die Leute in den unterprivilegierten Stadtvierteln, aber auch die unteren Mittelschichten. Was sie erleben, sind längst die Auswirkungen jener "Abstiegsgesellschaft", die Oliver Nachtwey mit dem eingängigen Bild der herabfahrenden Rolltreppe illustrierte: Es geht entweder bergab, oder man muss immer schneller gegen die Fahrtrichtung laufen, um den Status zu halten. In den Gemeinschaften, den Vierteln, den Straßenzügen leben die Leute bloß nebeneinander her, weil jeder nur noch um sich selbst kämpft. Letztlich sogar in den Betrieben, wo die Kollegialität abnimmt, wenn jeder nur darauf achtet, selbst zu überleben - in einer Welt, in der Rationalisierungsdruck schlichtweg überall herrscht.

Robert Misik lebt und arbeitet als Journalist und Sachbuchautor in Wien. - © Stephan Roehl / CC BY-SA 3.0
Robert Misik lebt und arbeitet als Journalist und Sachbuchautor in Wien. - © Stephan Roehl / CC BY-SA 3.0

Zudem aber huldigt das System einem Wettbewerbsindividualismus, der fragwürdige Seiten in den Menschen fördert, etwa, dass man sich dauernd mit anderen vergleicht, permanent auf 150 Prozent läuft, um nur ja nicht ins Hintertreffen zu gelangen; oder die Tugend einer absoluten Unabhängigkeit, die Bindungen verkümmern lässt. In einer solchen Kultur ist der Nachbar entweder ein Konkurrent, also eine Gefahr, oder jemand, der einem ökonomisch nützlich sein könnte, also jemand, den man nur nach materiellen Nützlichkeitserwägungen betrachtet. Eigentlich eine Horrorkultur. Einkommen stagnieren wegen der internationalen Konkurrenz. Überall gibt es schließlich jemanden, der es billiger machen würde als man selbst.

In den oberen Etagen der Gesellschaft ist der Individualismus auf selbstbewusste Weise egozentriert, in den unteren Etagen nimmt er die Form eines resignativen Individualismus an, dem jeder Stolz abgeht, verdichtet in dem oft gehörten Satz: "Ich kümmere mich nur noch um mich selbst."