Unsere Gesellschaft ist wieder krass in Klassen zerrissen

Dass immer mehr Menschen, auch in scheinbar ökonomisch gesicherten Lagen, diese Kampfstimmung negativ erleben, ergab jetzt eine Studie, die das deutsche Allesbach-Institut im Auftrag des deutschen Versicherungsverbandes durchgeführt hat - beide Beteiligten sind nicht unbedingt für nörglerische antikapitalistische Gesellschaftskritik bekannt.

Dabei sagten 44 Prozent der Befragten - deutsche Bürger und Bürgerinnen zwischen 30 und 60 Jahren -, dass ihre persönliche wirtschaftliche Situation besser sei als vor fünf Jahren. Doch 77 Prozent meinten, dass die Menschen immer mehr unter Zeitdruck stünden, 81 Prozent waren sogar der Auffassung, dass immer mehr Aggressivität um sich greife. Gereiztheit breite sich aus, "Egoismus nimmt zu" (74 Prozent) und "alles wird anonymer" (54 Prozent). Zwei Drittel waren der Meinung, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt fehle und dafür "die soziale Schicht, zu der man gehört", verantwortlich sei.

Begriffe wie "Klasse" mögen als marxistische Retrovokabel aus der Mode gekommen sein, aber das Bewusstsein wächst ganz offenbar wieder, dass unsere Gesellschaft wieder krass in Klassen zerrissen ist. Und wohlgemerkt: Das ist keine Studie, für die der verwundbarste Teile der Gesellschaft befragt wurde, sondern sie ist repräsentativ für alle Milieus - querbeet, von den unteren Einkommensgruppen bis in die höheren Wohlstandslagen.

Man hält den Wohlstand um den Preis, immer mehr zu arbeiten

Dieses Grundgefühl, dass alles auf unsicherer Grundlage steht, zieht sich durch. Dass man vielleicht den materiellen Wohlstand hält, aber nur um den Preis, dass man immer mehr arbeitet, immer mehr Überstunden schiebt, dass in Familien beide Partner immer mehr arbeiten, um das Haushaltseinkommen stabil zu halten, besonders dann, wenn wichtige Ausgabenposten stark ansteigen (wie etwa die Mietkosten). In einer Lebenswelt, die den Individualismus zu ihrer Ideologie gemacht hat, mit dem Mantra aus Erfolg, Leistung sowie dem Anspruch, dass jeder etwas Besonderes sein muss, und nur diese Arbeit am Selbst Quelle von Status und Wohlfahrt sei, sitzen die Subjekte in der Falle. Wie den Erfolg haben sie sich auch das etwaige Scheitern selbst zuzurechnen und rennen damit immer schneller im Hamsterrad. Und bekommen gesagt, dies sei die Beste aller denkbaren Welten.

Man muss Erfolg darstellen, um ihn zu haben. Der Hamburger Soziologieprofessor Sighard Neckel nannte das einmal das "gesellschaftliche Leid der Erschöpfung", das sich ausbreite. "Je süchtiger eine Gesellschaft nach dem Erfolg greift, umso mehr Konkurrenten wetteifern um ihn, was eine zunehmende Anzahl von Aspiranten leer ausgehen lässt." Die Menschen haben davon ein - zumindest instinktives - Wissen, was ihnen aber erst recht nichts hilft. Gerade auch die eher gesellschaftskritisch gestimmten Angehörigen der sogenannten postmateriellen Milieus spüren einerseits diese zeitgenössischen Pathologien, können sich ihnen aber zugleich nicht entziehen, denn sie sind auch eingespannt in eine Welt der Bedeutungskonkurrenz und des Rattenrennens um die Plätze an der Sonne. Das Ergebnis ist ein Mittun mit einer gleichzeitigen Prise an Dagegensein, ein Leben in der Schwebe, mit täglichen Kompromissen. Man würde gerne ein bisschen anders, aber dafür fehlt die Zeit oder auch das Geld. Man funktioniert in dieser Welt und hat dann obendrein vielleicht auch noch ein schlechtes Gewissen.