Nobelmarken wie Gucci & Co. bei Spitzenpolitikern können im einfachen Wahlvolk Neid wecken. - © afp/Emma McIntyre
Nobelmarken wie Gucci & Co. bei Spitzenpolitikern können im einfachen Wahlvolk Neid wecken. - © afp/Emma McIntyre

In Italien würde der Kauf einer Gucci-Tasche durch einen Rechtspopulisten niemanden aufregen. Dort erwirbt man sie spottbillig bei den Straßenhändlern. In Wien kosten sie als Damen-Accessoire mindestens 1000 Euro. HC Strache hat eine nebst Chanel-Kostüm für seine Philippa gekauft - wie das "wahre Volk" vermutet, aus jenem Spesenkonto, das letztendlich von Steuergeld gespeist wird. Die Nachricht wurde zum Lauffeuer, eine halbe Million freiheitlicher Wählerinnen und Wähler gaben ihrer Partei den Laufpass. Eine Massenscheidung.

55 Prozent gingen zu Sebastian Kurz und der ÖVP, 45 Prozent ins Lager der Nichtwähler. Noch fünf Tage vor der Wahl hatte die FPÖ gut 20 Prozent am gesamten Kuchen, an den Urnen der rechtspopulistischen Hoffnungen waren es am Sonntagabend dann nur noch 16 Prozent. Eine Abrechnung. Ihre Ursache? Eine Neidwelle, die wie ein Tsunami über die österreichischen Populisten hereingebrochen ist. Sie bedeutet keineswegs, dass jetzt alle Frauen Gucci tragen wollen, hat aber eine Empörung über jene ausgelöst, die sich die großen Modemarken leisten können.

Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic
Gerfried Sperl war von 1992 bis 2007 Chefredakteur des "Standard". Er gibt die Booklet-Reihe "Phoenix" heraus. - © apa/Hbf/Dragan Tatic

Dem Neid folgte das Gefühl des Verrats. Just jene, die sich wie Strache als eins mit dem Volk plakatieren ließen, nutzten ihren Aufstieg in den Augen ihrer Wählerinnen und Wähler nicht zu mehr Einsatz, sondern zu mehr "Kohle" in ihren profanen Taschen. Sie wechselten auf die Seite der "Reichen". Ihre bisherigen Fans spürten, dass die FPÖ sich zwar sozial gibt, in Wahrheit aber eine neoliberale Wirtschaftspartei ist. Alte (unter Bruno Kreisky geschaffene) Privilegien wie Geld fürs Heiraten und fürs Kinderkriegen sind entweder abgeschafft oder abgeschliffen, die SPÖ kann nichts mehr bieten, und selbst die "Arbeiterpartei" FPÖ ist nicht mehr das, was sie unter Jörg Haider einmal war. Maria Sterkl ("Der Standard") hat in Wien-Favoriten einen Satz einer 65-Jährigen eingefangen, die den Sozialstaat in den Tiefen ihrer Seele verankert hat und sich deshalb beschwert: "Selbst schwere Krankheiten brechen über uns ohne Vorwarnung herein." Aber würde ihr ein Gucci-Tascherl über die Klippen helfen?

Der Noch-Ex-Kanzler entspricht einer unnahbaren Priestergestalt

Da ist "Kurz noch der Beste". Fast hätte die ältere Frau aus Favoriten hinzugefügt: "Der hat noch Anstand. Und er hat immer denselben dunklen Anzug an." Tatsächlich kommt er wie der Angehörige eines Laienordens daher. Tlapa-Dress als Uniform, Bescheidenheit pur, gute Voraussetzungen für evangelikale Weihen in der Wiener Stadthalle. Der türkise Spitzenkandidat hat es verstanden, seine Attraktivität in die Massen hinein zu steigern, aber in kleineren Dosen zu entfalten. "Wenn Ansteckung in einer Ansammlung von Körpern ihre Zauberkraft entfaltet," schreibt der US-Wirtschaftspsychologe William Davies, "setzt sie den freien Willen außer Kraft." Sie verwandelt ihn in einen Glauben.