Der Faschismus war eine säkulare Religion, der rechte Popopulismus sei es nicht, schreibt Isolde Charim in ihrem Buch "Ich und die anderen". Da ist ihr zu widersprechen. Viktor Orbán beispielsweise arbeitet durchaus mit religiösen Aufladungen und hat eine nationalistische Version des ungarischen Christentums entwickelt. Und so profan, wie Charim tut, ist die Gesellschaft längst nicht mehr. Sie nennt es ja selbst "partielle Säkularisierung". Der Noch-Ex-Kanzler entspricht einer letztlich unnahbaren Priestergestalt. Er eignet sich also nicht als Neid-Auslöser. Er scheint jeder und jedem den Platz anzubieten, der eigentlich ihm zusteht. Es huscht ein Staunen über sein Gesicht, wenn er angesprochen wird. Er wird öffentlich nie wirklich laut. Er wirkt wie einer von vielen. Neid ist eine von sieben Todsünden. In der verweltlichten Gesellschaft ist er keine "giftige Kröte" (Zitat Arthur Schopenhauer) mehr, sondern eine Untugend, die es zu überwinden gilt. Umso schlimmer, wenn ein Ex-Parteichef diese Kröte wiederbelebt und zum Speien bringt.

Neben den religiösen Anklängen spielt auch die zunehmende Frequenz von Demonstrationen und Massenaufmärschen eine große Rolle. Entweder durch Identifikationsfiguren wie die schwedische Jeanne d’Arc, Greta Thunberg, oder die Menschenmassen der zwiespältigen Demokratiebewegung in Hongkong. Für beide Phänomene gilt, was Edward Barnays (1891 bis 1995), ein Neffe Sigmund Freuds, herausfand: Über Demonstrationen wollten die Teilnehmer Nähe zur Macht erlangen, eine Art Vertrautheit mit den Mächtigen, sowohl bei Protest als auch bei Zustimmung. Die Frage, die sich Politiker daher stellen müssten, lautet: Wie kann man am besten Bilder, Töne und Sprache im Verbund miteinander einsetzen, um im Volk die richtige Stimmung zu erzeugen?

Übereinstimmung zwischen Privat und Plakat

Kurz und Werner Kogler waren in diesem Sinn am effizientesten, Strache am schlechtesten, weil noch hinzutritt, dass immer mehr Menschen die Übereinstimmung zwischen den politischen Akteuren und ihrem öffentlichen Auftreten wünschen. Oder anders herum - zwischen Privat und Plakat. Der Wahlerfolg der ÖVP wäre auch mit 3 oder 4 Prozent weniger eine Bestätigung der Vormachtstellung von Kurz gewesen. Der zweite Einbruch der FPÖ nach dem Ibiza-Video hat aber darüber entschieden, ob die Freiheitlichen einen Koalitionsanspruch hätten stellen können.

Dieser Wählerstoß binnen weniger Tage von 20 Prozent in den Umfragen zurück auf 16 Prozent im tatsächlichen Wahlausgang hat mit der politischen Konkurrenz der vergangenen Tage und den immer gleichen Fernsehdebatten fast nichts zu tun. Er ist auf freiheitlicher Seite selbstgemacht. Ob Neid, Gier oder aufgeregte Debatten rund um Gucci und Chanel: Sie verdecken, dass Expertengeschwafel, Meinungsumfragen und leider auch Manipulationen an Gewicht verlieren und die Betroffenen sich stärker von ihren eigenen Erfahrungen und Gefühlen lenken lassen.