Wir fahren gleich über eine provisorische Metallbrücke, weil die Fahrbahn durch eine Bombe zerstört wurde. "Wenn wir den Tigris überquert haben, erreichen wir West-Mossul. Im Süden wirst du die Altstadt sehen - oder das, was davon übrig geblieben ist", briefe ich meine neue Kollegin, eine junge Psychologin aus Tunesien, die erstmals mit Ärzte ohne Grenzen in einem Krisengebiet auf Einsatz ist. Der Westen der nordirakischen Stadt wurde am schwersten umkämpft, weil sich der IS dort bis zum Schluss verbarrikadieren konnte. Und weil dort immer noch so viele Minen, Sprengfallen und nichtexplodierte Bomben versteckt sind, ist es sehr gefährlich für die Bevölkerung, zurückzukommen. Es liegen auch noch sehr viele ungeborgene Leichen unter den Trümmern, und man hat mir erzählt, dass der Geruch der Verwesung dort an manchen Tagen nur schwer erträglich sein soll. Es gibt kein einziges Haus ohne Einschusslöcher oder Schrapnellspuren von explodierten Granaten und Bomben. Aber die Menschen haben wieder begonnen, ihre Stadt aufzubauen. Und wenn sie nur damit begonnen haben, ein paar Schusslöcher zu verspachteln.

Suizid als letzter Ausweg
aus dem untragbaren Leid

Wir sind auf dem Weg zu einem der Gesundheitszentren, in denen wir arbeiten. Zwei Jahre nach dem Ende der Schlacht um Mossul geht der Kampf für viele Menschen weiter. Armut, Arbeitslosigkeit und ein sehr eingeschränktes Gesundheitssystem in einer zu großen Teilen zerstörten oder beschädigten Stadt sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer nicht nach Hause zurückkehren kann, muss in einem der vielen Flüchtlingslager in der Umgebung bleiben. Die Herrschaft des IS hat die Menschen stark verändert. So auch die schrecklichen Erlebnisse, die sich wie lebendige Albträume in ihr Gedächtnis gebrannt haben. Das Leid ist für manche untragbar geworden, und so erscheint ihnen der Suizid als letzter Ausweg.

Raimund Alber ist Psychotherapeut in Tirol und derzeit auf seinem fünften Einsatz für Ärzte ohne Grenzen im Irak tätig. - © privat
Raimund Alber ist Psychotherapeut in Tirol und derzeit auf seinem fünften Einsatz für Ärzte ohne Grenzen im Irak tätig. - © privat

So treffe ich im Gesundheitszentrum Sab’ata’ash Tammuz eine Frau, nennen wir sie Hanin, die deutlich älter aussieht als 27, doch ihre Augen schauen mich mit kindlicher Unsicherheit an. Nach drei von ihrer Mutter verhinderten Selbstmordversuchen ist Hanin bei uns gelandet. Sie wollte aus einem fahrenden Auto springen, sich vom Dach ihres Hauses stürzen und sich mit Benzin, das sie bereits über sich gegossen hatte, verbrennen - alles in den vergangenen 48 Stunden. Sie erzählt ganz emotionslos, dass sie mit 12 Jahren verheiratet wurde und mit 13 ihr erstes Kind gebar. Von der Ehe, der Zeit während des IS und des Krieges erzählt sie nichts, sie weint nur still. Nun ist Hanin offiziell geschieden und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Was aus ihrem Mann geworden ist, sagt sie nicht. Da ihr Haus zerstört wurde, lebt sie mit ihren Eltern in ärmlichsten Verhältnissen. Ich notiere: "Akute Suizidgefährdung mit vorausgehenden Suizidversuchen. Auch die Mutterrolle scheint kein protektiver Faktor mehr zu sein. Schwere Depression und Hoffnungslosigkeit." Hatte sie keine Angst vor den Schmerzen des Verbrennens? Sie antwortet mir unter Tränen, kein Schmerz könne so schlimm sein wie der, den sie in sich fühle. Am liebsten würde sie gar nichts mehr spüren. Ich überlege mir, dass mir das Ausmaß und die Intensität seelischer Schmerzen noch nie so klar waren wie in diesem Moment.