Samuel Koch. - © Lukas Beck
Samuel Koch. - © Lukas Beck

Es gibt eine Welt, die die ältere Generation nicht mehr versteht. Sie befindet sich für sie hinter einer Scheibe, die mit der Zeit immer milchiger geworden ist, bis sie nur noch Konturen und am Ende gar nichts mehr erkannt hat. Ich meine die Welt, in der wir, die junge Generation leben, in der wir bestehen müssen und in der sich die die Zukunft entscheidet. Es hat schon immer Missverständnisse zwischen den Alten und den Jungen gegeben, aber dank der digitalen Revolution und der Beschleunigung hatten sie noch nie eine Dimension wie jetzt. Die Alten verstehen uns nicht mehr und machen sich in ihrer Ohnmacht ein durch und durch falsches Bild von uns.

Ein Beispiel: "Die Jugend von heute interessiert sich nicht mehr für Politik." Das ist einer dieser Standardsätze der Alten. Das ist falsch. Wir interessieren uns bloß nicht mehr für ihre Art von Politik, die immer etwas mit Parteien, Ämtern und Funktionären zu tun hat. Wir sind in einer Welt aufgewachsen, in der wir immer schon alles online bewertet haben, seien es Bücher oder die Fotos unserer Freunde. Für uns ist die naheliegende Form von Demokratie deshalb die direkte. Wir wollen online über anstehende Entscheidungen abstimmen. Unsere Politik hat auch nichts mehr mit Nationen und Grenzen zu tun. Im Internet, das unsere Welt prägt, sind bereits alle Menschen gleich. Wir fühlen uns politisch nicht mehr als Österreicher, sondern eher als Weltbürger, zumindest als Europäer.

Oder der Leistungsgedanke: "Die Jugend von heute ist nicht mehr leistungsbereit." Dieser Standardsatz ist ebenfalls falsch. Wir sind leistungsbereit, bloß lehnen wir die Version der Alten von Leistung ab, weil sie immer etwas mit Unterordnung und mit Strampeln im Hamsterrad zu tun hat. Wir geben alles, wenn wir einen tieferen Sinn in einer Sache sehen, wenn wir uns dabei selbst verwirklichen können, wenn wir frei sind zu kommen und zu gehen, wie es uns notwendig erscheint.

Oder die Sache mit den Beziehungen: "Die Jugend von heute will sich auf nichts mehr einlassen. Weder beruflich noch privat." So denken die Alten. Die Schuld geben Sie dem bösen Internet und seinen Verlockungen. Auch das ist falsch. Wir sind sehr wohl beziehungsfähig, beruflich wie privat, bloß brauchen wir dafür keine Strukturen wie Dienst- oder Eheverträge, die Bewegung, Veränderung und das laufende Neuabstimmen aufeinander erschweren. Für uns setzt auch jede Art von Beziehung Freiheit voraus. Dafür sind unsere Beziehungen dann in Wirklichkeit vielleicht sogar tiefer oder zumindest ehrlicher als die der Alten.

"Die Welt, die ihr nicht mehr versteht": Diesen Titel habe ich meinem ersten Buch gegeben, denn ich denke, dass die Alten unsere Welt zwar nicht mehr ganz verstehen werden, aber dass sie doch nennenswerte Fortschritte dabei erzielen können. Sie müssen dafür die angelaufene Scheibe polieren, sich von ihren Denkmustern über uns befreien und ohne Dystopien und Angstreflexe auf uns schauen.

Sie werden sich wundern, wie wir wirklich sind, und vielleicht werden sie sich auch ein bisschen freuen. Schließlich sind wir es ja, die, wie alle wissen, ihre Pension finanzieren müssen.