Großbritannien ist beim Brexit tief gespalten (Referendum 2016: 52 Prozent Leave; 48 Prozent Remain). Tief gespalten ist auch das Parlament. Dass Ex-Premierministerin Theresa May in Westminster für den Deal mit der EU keine Mehrheit organisieren konnte, wurde zum britischen Dilemma. Es polarisiert der Backstop. Danach soll es nach dem Exit eine offene Grenze zwischen dem britischen Nordirland und dem EU-Land Irland geben. Bis zu einer endgültigen Lösung soll Großbritannien in einer Zollunion mit der EU bleiben. Brüssel will Kontrollen verhindern; London will keine längere EU-Bindung. Eine Einigung in der Substanz scheint ausgeschlossen.

Ein "No deal is better than a bad deal"-Brexit ist kein einfaches Nullsummenspiel mit Gewinnern und Verlierern. Großbritannien würde auf den Status eines Mitglieds der Welthandelsorganisation (WTO) zurückfallen und hätte im EU-Warenverkehr die üblichen Zölle zu entrichten. Die EU verlöre mit den Briten einen der wenigen Nettozahler, was das Risiko erhöht, dass in einem schrumpfenden Wirtschaftsraum bei steigenden Lasten die Fliehkräfte stärker werden. Schon jetzt ist der Brexit ein Kostenbringer - mit oder ohne Deal. Für Europa (und die Welt) ist schlecht, dass Brüssel eine Reputation als "Tough Guy" aufbauen muss, um abschreckend zu zeigen, dass sich kein Land besser stellt, wenn es Verträge kündigt. London steht unter Zugzwang; sitzt in der Zwickmühle: Klar ist der Austritt, unklar die Strategie. Mays Zuspitzen auf die Optionen "No-Deal oder My-Deal" und das Drohen, bis zum Äußersten zu gehen, nennen die Engländer "Brinkmanship" (Spiel am Abgrund). Gut gespielt hat "Theresa Maybe" (Zitat "The Economist") nicht. Sie musste die Verlängerung des Artikels 50 der EU-Verträge (Austrittsklausel) erbitten. Letzter Stand: Dritter Aufschub bis 31. Oktober. Abtritt May; Auftritt Boris Johnson.

Volker Bieta ist Lehrbeauftrager an der TUDresden. 
- © privat

Volker Bieta ist Lehrbeauftrager an der TUDresden.

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Ein Königreich für eine Lösung

Bei Konflikten, in denen die Parteien stur an Positionen festhalten und nicht als kompromissbereit erscheinen, denkt man an eine Szene des berühmten Films "Denn sie wissen nicht, was sie tun" ("Rebel Without a Cause") aus den 1950er Jahren. Es geht um ein Hasardspiel unter US-Teenagern. Dabei wird Jim (James Dean) beim Streit um die Position des Anführers vom Cliquenchef Buzz zu einer Mutprobe herausgefordert - dem "Chicken Run": Beide fahren in Autos auf eine Klippe zu. Wer beim Spiel mit dem Untergang zuerst abspringt, ist der Feigling - das "Chicken". Jeder will gewinnen, ohne dabei zu sterben. Jim springt ab, Buzz verfängt sich mit der Jacke in der Tür und stürzt ab. Obwohl Buzz abstürzt, hat Jim die Mutprobe verloren. Schlagzeilen wie "Brexit: UK enters dangerous game of chicken with EU" ("The Irish Times") oder "Theresa May is a chicken who’s bottled brexit" ("The Telegraph") bringen die Spieltheorie ins Spiel, die "strategische Spiele" wie das "Chicken Game" analysiert, um ihren Ausgang zu prognostizieren.