Nitesh Shah ist Director of Research beim Vermögensverwalter WisdomTree. - © Ernie Savarese
Nitesh Shah ist Director of Research beim Vermögensverwalter WisdomTree. - © Ernie Savarese

Ölreichtum und Krisen liegen im Nahen Osten nah beieinander. Die weltpolitische Ordnung erfährt im heurigen Jahr Erschütterungen durch fortdauernde Zwischenfälle in der für die internationale Ölversorgung wichtigen Golfregion, die 34 Prozent der weltweiten Öllieferungen und 48 Prozent der nachgewiesenen globalen Reserven umfasst. Die Ölmärkte zeigen sich noch unberührt von den jüngsten Ereignissen, doch das könnte sich ändern.

Die Straße von Hormus, wichtigstes Nadelöhr für den Öltransport nach Asien, war im Mai Schauplatz der ersten Sabotage an vier Handelsschiffen, eine Reihe weiterer Angriffe auf Öltanker folgten. Der Iran wird weithin dafür verantwortlich gemacht und sieht sich mit einer US-Sanktionsflut konfrontiert. Den vorläufigen Höhepunkt der Krise markiert ein Drohnenangriff auf saudische Ölanlagen im September, der vorübergehend die Hälfte der Produktion lahmlegte. Der Iran weist die Verantwortung trotz internationaler Vorwürfe zurück. Berücksichtigt man die jüngst von der Türkei geführte Offensive in Nordostsyrien, ergibt sich ein aus geopolitischer Sicht explosiver Cocktail einzelner Episoden.

Der Markt scheint bisher jeden Vorfall isoliert zu betrachten. Kein Ereignis führt zu einem signifikanten Einschnitt der Ölversorgung. Der mit der Ölverknappung von 5,6 Millionen Barrel bedeutendste Vorfall - der Drohnenangriff auf Khurais und Abqaiq in Saudi-Arabien - war in seiner Wirkung überraschend kurzlebig. Saudi-Arabien brachte die Produktion binnen weniger Wochen wieder auf das Niveau vor dem Angriff. Obwohl die Infrastruktur beschädigt und die volle Kapazität nicht vollständig wiederhergestellt ist, liegt die Produktion auf der Zielgeraden.

Es sind aber nicht voneinander isolierte Ereignisse. Der Stellvertreterkonflikt zwischen Saudi-Arabien und dem Iran droht zu einem ausgewachsenen Krieg zu werden. Mit Waffenimporten um 70 Milliarden Dollar (knapp 9 Prozent seines BIP) im vergangenen Jahr untermauerte Saudi-Arabien seinen Status als größter Waffenimporteur der Welt. 70 Prozent der Importe von 2014 bis 2018 kamen aus den USA, 10 Prozent aus Großbritannien. Nachdem Saudi-Arabien hochgerüstet hat und der Iran weiterhin mit den Säbeln rasselt, ist das Risiko einer Eskalation hoch.

Inmitten einer Periode globaler Handelskriege konzentrieren sich die Märkte derzeit auf eine potenziell schwache Ölnachfrage. Die Internationale Energieagentur (IEA) prognostiziert für 2019 und 2020 ein Wachstum der Ölnachfrage auf 1,0 beziehungsweise 1,2 Millionen Barrel pro Tag. Noch vor einem Jahr rechnete sie für 2019 mit 1,4 Millionen Barrel pro Tag - 0,4 Millionen höher als die nun revidierte Prognose. Viele Marktteilnehmer erkennen nicht, dass die IEA für das dritte und vierte Quartal dieses Jahres ein Versorgungsdefizit prognostiziert und 2019 damit im Wesentlichen im Gleichgewicht bleibt.

Eine schwindende Erdölnachfrage erscheint im Vergleich zu den Risiken einer Unterbrechung der Ölversorgung unbedeutend. Sollte sich das schwarze Gold nicht mehr durch die Golfregion bewegen können, werden signifikante Mengen von den Weltmärkten abfließen, was die Revision der Nachfrageprognose von 0,4 Millionen Barrel pro Tag wie eine Randnotiz erscheinen lässt.