In der jüngsten Wochendausgabe widmete die "Wiener Zeitung" dem Bezirk Simmering und den Verlusten der SPÖ bei den vergangenen Bezirksratswahlen eine große, zweiseitige Reportage ("Roter Liebeskummer in Simmering"). Da ich seit vier Jahren "Simmeringer" bin, las ich den Artikel mit großem Interesse, allerdings dann mit zusehender Verwunderung, ja Ärger. Man muss Journalisten natürlich zugestehen, dass sie bestimmte Facetten eines Problems besonders stark und einseitig ausmalen müssen, um ihre Story attraktiv zu machen. In diesem Artikel ging dies aber sehr weit.

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Simmering ist nach Meinung von Redakteur Matthias Winterer der letzte, geradezu "das Letzte" aller Wiener Bezirke. Eine Hauptursache dafür ist die SPÖ, der Bezirk ist "ihr Albtraum", wie ihr stellvertretender Bezirksvorsteher Thomas Steinhart selber einräumt. Weniger verwundert, dass es auch FPÖ-Bezirksvorsteher Paul Stadler so sieht ("die Roten haben nichts mehr für die Simmeringer getan.. sie haben einfach bestimmt, haben ihre eigenen Vereine versorgt und die Bürger vergessen"). Er dagegen agiere anders; so sei der Wunsch einer alten Frau, die zu ihm kam und sich ein Bankerl wünschte, bereits erfüllt. Unter der Herrschaft der SPÖ sei es dazu gekommen – so Redakteur Matthias Winterer weiter – dass alle Probleme, die eine Stadt nicht haben will, in diesen Bezirk ausgelagert werden – Kläranlage, Kraftwerk, Tierkörperverwertung, Krematorium, Müllverbrennungsanlage. Auf einem Bankerl am Enkplatz fand er drei Simmeringer Männer, deren Meinung ebenfalls einhellig ist: Simmering ist Dreck, der Mistkübel von Wien, eine "Ausgeburt der Hölle", eine Hure; ein Herr Alois ergänzt: "Nur noch Trottel wählen die SPÖ". Bei aller Ironie so krasser Thesen - der Kern ihrer Kritik sei ernst, so der Schluss des Redakteurs.

Ein verzerrtes Bild durch eine Momentaufnahme ohne Blick auf die Vergangenheit und Zukunft

Hat Simmering wirklich nichts Anderes zu bieten als diese Seiten? Sollte eine Stadt Kläranlagen, Kraftwerke, Krematorium am besten überhaupt auslagern? Hat sich in Simmering seit 1945 wirklich nichts getan? Ja, es ist unbestreitbar, die Simmeringer Hauptstraße kann den Vergleich mit der Mariahilfer Straße nicht bestehen. Sie ist schon seit Römerzeiten eine Durchzugsstraße - damals von Vindobona nach Carnuntum, seit 1945 vom Stadtzentrum zum Flughafen. Eine Momentaufnahme ohne Blick auf die Vergangenheit und Zukunft kann jedoch ein vollkommen verzerrtes Bild ergeben. Mitte der 1950er Jahre kam der junge Holländer Hiddo Jolles nach Wien um die Bevölkerungsentwicklung der Stadt zu untersuchen. Wien hatte damals rund 1,6 Millionen Einwohner mit der Prognose eines weiteren Rückganges. Der Dissertation, die er schrieb, gab er den Titel "Wien – Stadt ohne Nachwuchs. Betrachtungen über den Geburtenrückgang in der alten Donaustadt"; der letzte Teil hätte auch lauten können "in der sterbenden Donaustadt". Wir wissen alle, dass die Entwicklung vollkommen anders verlaufen ist, dass Wien in absehbarer Zeit wieder zwei Millionen Einwohner haben wird und dies trotz – oder zum größten Teil wegen - der von FPÖ und Türkisen für so viel Negatives verantwortlich gemachtenImmigration. Zugleich entwickelte sich Wien nach Meinung von Managern, Ingenieuren und anderen expatriates aus aller Welt zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Ließ die SPÖ nur den Bezirk Simmering hängen?

Ich lebte bereits zwischen 1966 und 1979 in Wien und kam, im Zuge einer Studie meines Professors Leopold Rosenmayr, 1968 auch nach Simmering um Interviews mit Verkäuferinnen zu machen. Diese Straße präsentierte sich damals vollkommen anders: sie war vollgestopft mit Autos, die überdies an jeder der vielen Ampeln lange warten mussten (man kann sich vorstellen, wie viel Abgase dabei ausgestoßen wurden) und natürlich gab es kaum einen Baum. Wenn ich heute von meinem Wohnzimmer auf die Hauptstraße hinaus schaue, sehe ich (außer im Winter) nur Grün von Bäumen. Die Verkehrssituation in Simmering hat sich fundamental verändert. Inzwischen gibt es durch die U3 eine perfekte Anbindung an das Stadtzentrum, man braucht selten länger als zwei Minuten auf einen Zug warten. Zugleich fährt die alte Straßenbahnlinie 71 weiterhin; mit ihr kann ich ohne Umsteigen von der Haustür weg bis zum Schwarzenbergplatz, Staatsoper, Burgtheater, Universität fahren. Mit der Schnellbahn, die mehrere Haltestellen in Simmering hat, kann man in praktisch 15 Minuten zum Flughafen kommen. Es gibt keinen anderen Wiener Bezirk, der über ähnlich gute Verbindungen sowohl ins Zentrum wie zum Flughafen verfügt.

Unglaubliche Geschäftsvielfalt entlang der Simmeringer Hauptstraße

Es gibt noch eine zweite Stärke von Simmering. Nach meinen Wohn-Erfahrungen in Wien – insgesamt lebte ich in einem halben Dutzend Bezirken – bietet die Simmeringer Hauptstraße etwas, was es in keinem anderen Bezirk gibt, nämlich eine unglaubliche Vielfalt an Geschäften für den alltäglichen Bedarf. Allein im Umkreis von fünf bis zehn Minuten Fußweg finde ich Blumen-, Kleider- und Schuh- und Küchengeschirrgeschäfte, Putzereien, Schumacher, Änderungsschneidereien, eine Anmeldestelle für Auto-Versicherungen, einen Printshop, Knopfkönig, Eisenwarenhandlung, vonBäckereien, Imbissstuben und Friseurgeschäften (die anscheinend auch von Fußball-Nationalspielern wie David Alaba aufgesucht werden) gar nicht zu sprechen. Es ist nicht schwer, auch Positives an Einrichtungen zu sehen, denen Matthias Winterer nur Negatives abgewinnen konnte. So etwa der Zentralfriedhof, der inzwischen Wildtieren und Menschen aller Altersgruppen, Fahrradfahrern usw. als eine einmalige Oase der Erholung ansehen wird und die von Touristen als Attraktion aufgesucht wird. Ich gehe sehr gerne dort mit Sohn, Schwiegertochter und Enkeln spazieren, weil Kinder dabei einen vollkommen sicheren Auslauf haben. Auch die neu gestalteten Gasometer waren und sind für viele etwas Besonderes; zahlreiche Diplomarbeiten und Dissertationen wurden über sie verfasst. Es gibt in Simmering ein sehr gut erreichbares Hallenbad, das im Sommer auch ein schönes Freibadgelände hat; mehrere neue Parks wurden errichtet. Ganz unbeteiligt an all dem kann die SPÖ, die bis vor kurzem noch in Simmering regierte und im Rathaus bis heute das Sagen hat, ja nicht gewesen sein. (Im Übrigen war ihre Wahlniederlage 2015 zu einem guten Teil auf interne Streitereien zurückzuführen). Simmering hat auch den größten Anteil (44%) an Grünflächen unter allen Bezirken. In Simmering werden nicht nur Panzer, sondern auch der größte Teil des Gemüses für Wien erzeugt.

Welche Zukunft hat Simmering, wo gibt es Handlungsbedarf? Wie alle anderen Bezirke wird sich auch Simmering zweifellos positiv entwickeln. Dazu wird beitragen, dass es eine der jüngsten Bevölkerung von Wien hat. Durch die exzellente Anbindung an Zentrum und Universität könnte der Bezirk auch für Studierende und andere aktive junge Menschen attraktiv werden; notwendig wären neue Märkte, kulturelle Einrichtungen und ähnliches; dazu gäbe es auch Infrastruktur (z.B. eine große leere Halle der ÖBB in der Grillgasse). Der Simmeringer Hauptstraße sollte mittelfristig ein architektonisch einheitlicheres und schöneres Bild verliehen werden. Manche stört der hohe Anteil von Geschäften mit zugewanderten Inhabern. Bezirksvorsteher Stadler äußerte diesbezüglich einmal die Idee, dass der Vergabe neuer Geschäftslizenzen Inländer bevorzugt werden sollten. Mir erschiene nur ein Kriterium wichtig: Es sollten architektonisch ansprechende Bauten sein, und die Geschäfte müssen solide und optisch attraktiv gestaltet werden. Im Übrigen ist die derzeitige immense Vielfalt an Geschäften zu einem hohen Anteil den Zugewanderten zu verdanken, die aus allen Nachbarländern Österreichs, aus Polen und der Ukraine, Russland, der Türkei bis hin nach China kommen. Hilfreich wären bessere Übergänge zum Böhmischen Prater im 10. Bezirk, die auch für Radfahrer und Eltern mit Kinderwägen leicht überwindbar wären; auch ein Radspur in der Simmeringer Hauptstraße könnte helfen, den Autoverkehr zu reduzieren.

Ein Bürgerforum für Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Bezirks

Mein Vorschlag wäre, unter Beteiligung aller Parteien und Interessensorganisationen, von Geschäfts- und Fachleuten (Architekten, Stadtplanern usw.) ein Bürgerforum einzuberufen, in welchem Vorschläge für die Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Bezirkes auf den Tisch gelegt und diskutiert werden sollten. Die Simmeringer wären daran ganz sicher interessiert. So war ich bass erstaunt, als ich die Bezirksversammlung zur Einführung des Parkpickerls besuchte; sie musste wegen des hohen Andrangs in den größten Saal des Bezirkes im Zentrum Simmering verlegt werden; meiner Schätzung nach nahmen daran gut tausend Menschen teil!