Farben, Melodien, Gefühle – die immateriellen, die nicht in Worte zu fassenden Dinge bedeuten doch aber eigentlich so viel mehr in unserem Leben, als das, was wir auf dem Konto haben. Das wissen wir alle, aber wir handeln anders. Denn es ist einfach, die Leben anderer in möglichst gut messbare Einheiten einzuteilen. Für jede und für jeden gleich und objektiv. Die Abrechenbarkeit des Lebens – das Diktat des Geldes zerstört die wertvollsten und wunderschönsten Dinge, die die Menschheit je hervorgebracht hat: Kunst, Liebe und Freiheit. Wirtschaftsinteressen zählen in jungen dynamischen Gesellschaften - wie unter Türkis-Blau - einfach mehr als Menschlichkeit.

Ja, das soziale Klima in unserer Gesellschaft ist mitverantwortlich für jene Toten, die sich das Leben genommen haben. Es ist wahrlich nicht nur das Umfeld von Freunden und Angehörigen oder das persönliche Unvermögen der Betroffenen verantwortlich für den Suizid eines Menschen. Das freiwillige Ausscheiden aus unserer Welt hat auch mit dieser Welt zu tun. Es braucht eine wertschätzende Atmosphäre

Was könnte wir tun, damit die Anzahl derer, die vereinsamen, sinkt? Wirtschaftliche Not darf in unserem Land kein Grund für Depression sein. Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre nicht dazu da, um "Faulenzer" zu unterstützen, sondern könnte die größte "Talentefördereinrichtung" werden, die eine Gesellschaft imstande ist zu ermöglichen: für den Schmetterlingssammler, die Flamencotänzerin, den Dampflokomotivenfreund, die auf unheilbare Krankheiten spezialisierte Forscherin, alle die lästigen Querdenker, die Journalisten, die Wissenschafter, die Aktivistinnen bei NGOs. Sie müssten ihre Zeit nicht mehr mit den deprimierenden Gedanken daran verbringen, wie sie Miete und Essen zahlen können. Sie alle würden unsere Gesellschaft reicher und vielfältiger machen, weil sie ihren Talenten und nicht dem Geld folgen müssten. Geld ist ja bekanntlich die häufigste Ursache für Verbrechen. Warum also nehmen wir diesem Fetisch nicht durch ein bedingungsloses Grundeinkommen die Spitze?

Schilderungen als Suizid-Prävention

Ein zweiter Paradigmenwechsel steht an. Die Angst vor Immitation, die uns seit Jahrzehnten den öffentlichen Dialog über Suizide auf das mindeste reduzieren lässt: Der sogenannte "Werther Effekt" sollte durch den "Papageno-Effekt" ersetzt werden. Denn inzwischen ist erwiesen, dass gerade die Schilderung von positiven Lebenswegen nach suizidalen Gedanken einen Nachahmungseffekt hervorrufen kann: wenn in Beispielen aufgezeigt wird, wie das Leben nach einem schrecklichen Tief wieder Hoffnung und Sinn bekommt. So wie eben in der "Zauberflöte" für Papageno, der dann auf seine Papagena trifft.

Außerdem sollten Hinterbliebene von ihren Stunden nach dem Verlust eines Angehörigen erzählen. Es ist die größte Tragödie, die Eltern, engen Freunden und Verwandten widerfahren kann. Aber ganz bestimmt möchte keiner, der sich das Leben nimmt, damit auch das Leben der meist so geliebten nahen Menschen verletzen. Das passiert aber unweigerlich. Und zwar nachhaltig. Auch davon muss erzählt werden, damit jedes suizidale Gefühl auch damit verbunden wird, dass man nicht nur dem eigenen Leben ein Ende setzt, sondern eben auch anderen Menschen sehr weh tut und deren Leben unweigerlich in eine tiefe Sinnkrise stürzt.