"Enteignung" wird - angesichts des Wohnungsproblems in Berlin - gefordert. In wachsenden Städten wie Wien, München, Zürich, London, Stockholm - die Liste ist beinahe unendlich fortzusetzen - sind verfügbares Bauland und leistbarer Wohnungsbau stark umkämpfte Felder. Dabei geht es nicht nur um die Verknappung von Baugrund, sondern auch um ein profitables Geschäft. Wohnen ist zu einer Ware geworden, die zum Teil zweckentfremdet wird, zum Beispiel für gewerbliche Airbnb-Wohnungen oder Anlegerwohnungen. Privatisierungen von Sozialwohnungen verschärfen die Situation zusätzlich. Kommunen verlieren damit ein wichtiges Instrument gegen rapid steigende Wohnkosten. Inzwischen sind aber auch Gegenbewegungen zu verzeichnen: Berlin kauft vor kurzem veräußerten Wohnungen im Eigentum der Stadt wieder zurück, in Freiburg hat die Stadt nach massiven Protesten den drohenden Verkauf kommunaler Wohnungen gestoppt. Die Privatisierung städtischer Wohnungen ist keine Lösung.

Trotz des sozialen Wohnbaus steigen in Wien die Mieten

Die Stadt Wien hat sich zum Ziel gesetzt, dass zwei Drittel aller neu zu errichtenden Wohnungen gefördert werden. - © apa/Herbert Pfarrhofer
Die Stadt Wien hat sich zum Ziel gesetzt, dass zwei Drittel aller neu zu errichtenden Wohnungen gefördert werden. - © apa/Herbert Pfarrhofer

Für die Lösung der Wohnungsfrage gilt Wien international als Vorbild. Tatsächlich sind mit 220.000 Wohnungen ein Viertel des Gesamtbestandes im öffentlichen Eigentum. Zudem setzt die Stadt Wien nach wie vor auf geförderten Wohnbau und hat sich zum Ziel gesetzt, dass zumindest zwei Drittel aller neu zu errichtenden Wohnungen gefördert werden - allerdings ist umstritten, ob diese Quote je erreicht wird. Für einkommensschwächere Menschen ist es in Wien schwierig, günstige Wohnungen zu finden. Trotz des sozialen Wohnbaus steigen die Mieten - ganz besonders im gründerzeitlichen Altbau, wie in Ottakring oder Favoriten. Der geförderte Wohnbau hingegen schafft Wohnungen vor allem für eine Mittelschicht und halbwegs gut verdienende Haushalte. Wenn nicht gezielt günstiger Wohnraum geschaffen wird, wird die Wohnungslosigkeit steigen. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Bild, dass Wohnungslosigkeit nur ein Problem weniger "Obdachloser" sei, besteht ein enger Zusammenhang zwischen niedrigen Einkommen, Armutsgefährdung und dem Verlust von Wohnungen. Und das trifft viele Menschen - "armuts- beziehungsweise ausgrenzungsgefährdet" sind laut Armutskonferenz 1,5 Millionen Österreicher. Wohnungslosigkeit ist auch ein Problem arbeitender Menschen - und sie kommt inzwischen in der Mittelschicht an.

Christoph Stoik ist FH-Professor, diplomierter Sozialarbeiter und Sozialraumexperte mit dem Schwerpunkt soziales Wohnen und öffentliche Räume am Department Soziales an der FH Campus Wien. - © FH Campus Wien/Ludwig Schedl
Christoph Stoik ist FH-Professor, diplomierter Sozialarbeiter und Sozialraumexperte mit dem Schwerpunkt soziales Wohnen und öffentliche Räume am Department Soziales an der FH Campus Wien. - © FH Campus Wien/Ludwig Schedl

Es stellt sich also die Frage, wie eine Stadt, die wächst, Wohnraum für alle schaffen kann. Die globale Stadt befindet sich da in einem Dilemma: Einerseits will sie wachsen und für Investoren und Kapital attraktiv sein. Andererseits ist sie angewiesen auf den Zuzug und billige Arbeitskräfte. Die internationale Bewegung "Solidarische Stadt", unter anderem in US-Städten wie New York aktiv, fordert unter dem Titel "urban citizenship" gesellschaftliche Teilhabe für alle, die in einer Stadt leben - da ist der Zugang zum Wohnen zentral. Das Argument, dass dies andere Menschen aus armen Regionen anziehe, kann empirisch nicht nachgewiesen werden. Nachweisbar ist, dass wachsende Städte ohnehin einen Anziehungseffekt haben - und diesen ja auch wollen, um billige Arbeitskräfte zu gewinnen.