Bäume sollten deutlich
älter werden dürfen

In der Tat ist es aber so, dass Bäume mit 80 bis 100 Jahren weit vor ihrem natürlichen Alterstod geerntet werden. Die Industrie zahlt Stämme über 40 Zentimeter Durchmesser schlechter, und der Forstwirt gibt sich mit einem vermeintlich geringeren Betriebsrisiko zufrieden. Bliebe der Baum stehen, könnte er noch ein paar Jahrzehnte der Atmosphäre Kohlenstoff entziehen und speichern, ehe er als Starkholz geschlägert wird. Einige Jahrhunderte wären es, ließe man ihn eines natürlichen Todes sterben. Die Kohlenstoffspeicherung fände dann vom Wipfel bis zur Wurzelspitze statt. Ein schönes, wenn auch extremes Beispiel, wie lange Verrottungsprozesse dauern können, findet sich in einem der letzten Urwaldreste in Österreich, im Rothwald. Dort wurde das Absterben einer riesigen Tanne zu Beginn des 20 Jahrhunderts dokumentiert. Umgefallen ist sie erst 100 Jahre später, und das Verrotten wird es noch weitere Jahrzehnte brauchen. Während dieses langen Verrottungsprozesses wird ein Teil des Kohlenstoffs frei, ein weiterer Teil wird zu Humus und bleibt darin gebunden. Zusätzlich speichert Totholz auch jede Menge Wasser.

Bis zum Jahr 2050 geben uns die Klimaforscher Zeit, eine ausgeglichene Kohlenstoffbilanz zu erreichen. Ein starkes Argument, Bäume deutlich älter werden zu lassen. Marktmotivierte Mätzchen sind hier kontraproduktiv, ja sogar gefährlich. Was nicht bedeutet, Holz gar nicht mehr zu nutzen. Ein kluger Mittelweg aus Naturwaldzellen, längerer Umtriebszeit und nachhaltiger naturnaher Forstwirtschaft wird nötig sein, um den besten Näherungswert einer idealen Kohlenstoffbilanz aus unserem Waldökosystem herauszuholen.

In Bayern will jetzt Ministerpräsident Markus Söder den Staatswald nicht mehr gewinnorientiert bewirtschaften, sondern zum Klimaspeicher umbauen lassen. In der Biodiversitätsstrategie von 2007 verpflichtete sich jedes deutsche Bundesland, bis nächstes Jahr 5 Prozent des Waldes beziehungsweise 10 Prozent des Staatswaldes außer Nutzung zu stellen. Bayern liegt derzeit bei 1,3 Prozent. Söder spricht nun von einer "moralischen Herausforderung zur Bewahrung der Schöpfung"; Klimaschutz müsse unabhängig von der konjunkturellen Lage gestaltet werden. In Deutschland wie in Österreich sind bei Nichteinhaltung der Pariser Klimaziele bis zum Jahr 2030 Strafzahlungen in Milliardenhöhe zu erwarten. Der Wald könnte hier einiges abzupuffern helfen. Österreichs Bundesforste sind gefordert, ihre im Bundesforstegesetz verankerte gewinnorientierte Struktur als Aktiengesellschaft zu überdenken. Auch das Auszahlen von Boni für Mitarbeiter bei hohen Gewinnen kann für einen Betrieb, dessen wahren Erfolge erst in hunderten Jahren zu ermessen sind, diskutiert werden.