Unverständlicherweise wurden bei den bisherigen Sondierungen die dringlichen gesamteuropäischen Themen der EU nicht angesprochen. Europa, will es künftig eine beachtete Mitsprachemöglichkeit im Konzert der großen Mächte wie USA, China, Indien, Kanada, Brasilien, etc. haben, muss rasch durch einen breiten Kanon an gemeinschaftlich-sachpolitischen und vor allem auch identitätsstiftenden Entscheidungen einen Grundkonsens finden und diesen Schritt für Schritt umsetzen. Österreich wie auch seine mitteleuropäischen Partner haben historisch viel Erfahrung, im Positiven wie im Negativen. Sie wissen, wie Gemeinschaft bildende Politik warum, unter welchen gesellschaftspolitischen, ethnischen, sozialen und kulturellen Gegebenheiten nicht, teilweise oder schon funktionieren kann, und haben nach 1918 umgekehrt erlebt, wie gegenseitig misstrauische "nationale" Kleinstaaterei mit ethnischen Übervorteilungsmaßnahmen ein machtpolitisches Vakuum schaffen kann, das in unruhigen Zeiten große Nachbarn einlädt, es zu füllen (siehe Syrien, Irak und Jemen heute).

Aus diesem Erfahrungsschatz heraus, und in täglichem Erleben von immer extremer werdendem populistischem Nationalismus und ebenso populistischem Sozialismus unterschiedlichster Varianten nach dieser Katastrophe Österreich-Ungarns 1918, hat Richard Graf Coudenhove-Kalergi bereits 1923 mit seinem Aufruf für ein Paneuropa - ein gemeinsames, vereintes Europa, das Krieg gegeneinander unmöglich macht - geworben. Er wurde damals nicht gehört. Die Folge waren ein rassistisch-nationalistischer Wahn mit Konzentrationslagern und Millionen geschändeter und getöteter Menschen sowie ein sieben Jahre währendes Kriegsverbrechen bis dahin ungeahnter technischer wie menschlicher Grausamkeiten; nach 1945, in der östlichen Hälfte Europas etablierte sich gewaltsam bis 1989/90/91 der Wahn, einen neuen, sozialistischen Menschen mithilfe von Gulags und einer Diktatur schaffen zu wollen; ein grauenhaftes Unterfangen, das wieder hunderte Millionen Tote in der UdSSR und in China sowie in deren jeweiligen Kolonien forderte.

Europas interne Krise lenkte von zahlreichen Problemen ab

Rainer Stepan war langjähriger Mitarbeiter von Alois Mock, Alfred Maleta, Josef Riegler, Ludwig Steiner und Andreas Khol, Studiendirektor und Tutor in der Diplomatischen Akademie sowie mehr als 20 Jahre lang in der Stadtaußenpolitik Wiens tätig. - © privat
Rainer Stepan war langjähriger Mitarbeiter von Alois Mock, Alfred Maleta, Josef Riegler, Ludwig Steiner und Andreas Khol, Studiendirektor und Tutor in der Diplomatischen Akademie sowie mehr als 20 Jahre lang in der Stadtaußenpolitik Wiens tätig. - © privat

Die freien Völker Europas nach 1945 haben aus der Geschichte gelernt und dem britischen Ex-Premier Winston Churchill bei seiner Züricher Rede 1946 zugehört, in der er Coudenhove-Kalergis Idee wieder aufnahm und die Festland-Europäer aufrief, ein Vereintes Europa zu schaffen, dessen Pate Großbritannien sein wolle, ohne dazuzugehören.

Was bisher dieser Idee entsprechend realpolitisch geschaffen wurde, ist einmalig und beispielgebend - seit 1945 kein Krieg in diesem geeinten Teil Europas, massenweiter, relativ sicherer Wohlstand, Sehnsuchtsprojekt für die Menschen östlich des Eisernen Vorhangs, Ziel der massenweit sich bildenden Proteste der Menschen 1988/89 gegen die Kolonialregime der Sowjets. Das "Paneuropa-Picknick Sopron-Mörbisch", organisiert von Walburga Habsburg-Lothringen am 19. August 1989, öffnete erstmals für Hunderte aus dem Osten ein kleines Tor in die Freiheit. Der Eiserne Vorhang war nicht mehr dichtzumachen, einige Monate später war er Geschichte. Europa bekam die Chance, ein geeinter Subkontinent zu werden; rechtzeitig, um wirksame Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung einerseits sowie der Entwicklung zu einer multipolaren Welt andererseits zu definieren und umzusetzen. In dieser multipolaren Welt dominieren nicht mehr nur die USA, sondern vor allem China, das dabei ist, sich ohne viel Aufsehen die Erde untertan zu machen; aber auch Indien und Brasilien bei allen ihren internen Problemen erfüllen wesentliche Voraussetzungen, um zumindest weltweit beachtenswerte Regionalmächte zu werden.