Die Chance für Europa war günstig, wurde jedoch aus nationalen Egoismen nur zu einem sehr geringen Teil genutzt. Die Einführung des Euro, real in den Händen der Menschen ab 2002, blieb ohne umfassende gemeinsame ökonomische wie soziale Strukturanpassungen. Das rächte sich in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09 besonders für die wenig ökonomisch-finanziell stabilen südeuropäischen Länder wie auch für Irland. Diese interne Krise lenkte wiederum von den zahlreichen Problemen vor den Toren Europas, am Balkan, in Georgien, in der arabischen Welt, in Russland, in Afrika und schließlich in der Ukraine ab, und hatte wiederum (tatsächlich?) unerwartete Auswirkungen auf Europa, die bis dato nicht vollständig in den Griff bekommen wurden.

Der bis zum Fall des Eisernen Vorhangs geeinte Teil Europas machte außerdem den großen Fehler, den sich selbst befreienden Europäern Mittelost-, Ost- und Südosteuropas beim Aufbau ihrer Staaten - mit Ausnahme des Transfers großer Geldsummen - nicht zu helfen. Das Baltikum mit den skandinavischen Ländern bildet da eine rühmliche Ausnahme. Deshalb konnten sich in den übrigen seit 2004 und 2007 der EU angehörenden Ländern Mittel- und Osteuropas Oligarchenregime festsetzen, die die Bildung eines breiten, selbstbewussten Mittelstandes erschweren bis verhindern, um mit korrupter Machtklientel in Wirtschaft, Bürokratie, Rechtswesen und Medienwelt möglichst lange an der Macht zu bleiben und davon persönlich zu profitieren, und sei es durch die Einführung sogenannter illiberaler Demokratien nach den Vorbildern Russland und Türkei.

Seitens des Europarats hätte sofort in den befreiten Ländern mit der Aufarbeitung der jüngeren Geschichte begonnen werden müssen, um einerseits nationales Bewusstsein natürlich und kritisch entstehen und andererseits Mythenbildungen oder Jahrhunderte alte Klischees nicht wieder aufleben zu lassen, die nun zu legitimierenden Ideologien der eben genannten Regimes herangezogen werden. Der Flüchtlingsansturm ab Sommer 2015 in der Mitte Europas potenzierte die neonationalistische Propaganda.

Europa nach außen hin stärken und greifbar machen

Was ist daher zu tun?

Europa und das, was dieses Europa ausmacht, muss Thema eines umfassend praktizierten Unterrichtsprinzips in allen Bildungseinrichtungen der Mitgliedsländer werden. Wo das nicht praktiziert wird, müssen spürbare Sanktionen seitens der EU-Kommission mit Mehrheitsbeschluss gesetzt werden können. Erasmus für Studenten und jetzt auch für Lehrlinge ist weiter auszubauen; das Europa-Ticket für reisefreudige Jugendliche ist eine großartige und zu erweiternde Aktion.

Eine europaweite Aufarbeitung der Zeitgeschichte unter der Voraussetzung, dass die EU-Mitgliedsländer sich verpflichten, die Ergebnisse dieser Forschungsarbeiten auch in allen Bildungsinstitutionen zu 100 Prozent zu vermitteln, mit Androhung spürbarer Sanktionen bei Zuwiderhandeln.

Eine schrittweise Reform der EU-Institutionen in Richtung Stärkung des EU-Parlaments und der EU-Kommission, sukzessive Schwächung des Einflusses des Gemeinsamen Rates, der de facto nationale Eigeninteressen vertritt und somit Bremser echter Vertiefung der europäischen Integration ist.

Die Außen- und Sicherheitspolitik Europas muss mit Mehrheitsbeschluss inhaltlich arbeiten können. Besonders die Länder Afrikas sollten Partner auf Augenhöhe werden; nicht wie bisher nach europäisch-egoistischen Gesichtspunkten Lieferanten von Rohstoffen und Empfänger mehrfach subventionierter Lebensmittel und des technischen (Gift-)Mülls aus Europa sein. Die ökonomische Absicherung der Menschen in diesen Ländern muss primäres Ziel der gemeinsamen Aufbauinitiativen sein - nur so kann durch breiten Wohlstand und Wissen ein Rückgang der Geburtenexplosion und die Reduzierung von Auswanderung erreicht werden.